Nähe wollen, Nähe fürchten
Auf die Frage, ob wir Nähe wollen, würden wir wahrscheinlich antworten „Na klar, ist doch logisch!“. Wer möchte nicht Freunde, mit denen wir uns austauschen können, die uns verstehen, die wir verstehen und das Gefühl von Gesehen werden und Verbindung. Oder einen Partner, eine Patnerin, die uns liebevoll zugewandt sind und wo auch Zärtlichkeit und körperliche Nähe ihren Raum bekommen. Und dann wissen wir heutzutage auch noch, dass soziales Miteinander auf unser Nervensystem regulierend wirken kann – das ist dann die sogenannte Koregulation –, und dass Einsamkeit krank machen kann. Wer also würde da bitte nicht Miteinander und Nähe haben wollen?
OK, es gibt definitiv auch Menschen, die sich von all dem Miteinander und der Sache mit Nähe lieber fernhalten und die auf die obige Fragen mit einem klaren „Nein“ antworten würden. Aber bei vielen von uns wäre die erste Antwort auf die Frage, ob wir uns Nähe wünschen, eine bejahende. Was unser Nervensystem allerdings, jenseits unseres Bewusstseins dazu sagt, klingt vielleicht ganz anders. Für unser Nervensystem kann Nähe nämlich auch Gefahr bedeuten und das macht sich dann durchaus auch in unserem Bestreben nach Nähe bemerkbar: Einerseits wollen wir Nähe, aber sobald da wirklich etwas entsteht, uns jemand nahe kommt, wir Wertschätzung füreinander empfinden, es möglich werden könnte, sich wirklich zu zeigen, geht der Vorhang zu. Wir ziehen uns zurück, finden den oder die andere plötzlich doch nicht mehr so sympathisch oder haben auf einmal keine Zeit mehr. Wir wollen Nähe und fürchten sie zugleich.
Wir wollen Nähe, und im selben Moment, in dem sie real wird, ziehen wir uns zurück. Beides ist wahr, und beides hat einen Grund.
Das kann manchmal sehr frustrierend sein, wenn wir gefühlt immer wieder an Nähe scheitern und schlussendlich eine innere Sehnsucht bleibt, die scheinbar nicht erfüllt werden kann. Dieses Dilemma entsteht aus ganz frühen Erfahrungen, oft aus Bindungstrauma. Eines unserer angeborenen Grundbedürfnisse ist das Bedürfnis nach Bindung mit unseren Eltern oder Bezugspersonen. Denn wir brauchen Bindung, damit wir in der Welt sicher sind. Der Begründer der Bindungstheorie John Bowlby spricht von einer „Secure Base“, einer sicheren Basis, die wir brauchen. Bindung und Sicherheit sind erstmal miteinander verknüpft. Nicht umsonst sehen Kinder mit ihren großen Augen, dem im Verhältnis zum Körper großen Kopf und den süßen kleinen Händen und Füßen niedlich aus. Das ist durchaus ein kluger Schachzug der Natur, denn dieses sogenannte Kindchenschema löst die Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin aus. Und das stärkt die Bindung und sorgt so dafür, dass Eltern sich um ihre Kinder kümmern – ganz vereinfacht formuliert.
Jetzt kommen zwei Aspekte zum tragen: Erstens, dass wir für Sicherheit mehr brauchen, als bloß ein Dach über dem Kopf und Nahrung und ab und zu etwas Ansprache und zweitens, dass wir teilweise von genau den Menschen, mit denen wir eine sichere Nähe, also Bindung bräuchten, Gefahr erleben. Diese Gefahr können verbale oder auch tätliche Angriffe sein, oder aber auch eine innere Abwesenheit oder tatsächliche Vernachlässigung. Dadurch entsteht ein inneres Dilemma: die Bindung, über die wir Sicherheit suchen, birgt selbst Gefahr in sich. Der Mensch, der uns schützen sollte, kann uns diesen Schutz nicht bieten oder gefährdet uns sogar. Wenn dem so ist, dann lernen wir, dass eben jene Nähe, die wir sosehr als sichere Basis brauchen, gefährlich ist. Unser Nervensystem strebt also einerseits nach Nähe, weil das eigentlich Sicherheit bringen sollte, muss aber gleichzeitig unglaublich wachsam sein, oder in den Rückzug gehen, weil jene vermeintliche Sicherheit Gefahr bergen kann. Wir wollen und brauchen Nähe und lernen sie zugleich fürchten.
Bindung ist nicht nur ein schönes Gefühl. Sie ist ein Grundbedürfnis, eine sichere Basis, von der aus wir die Welt überhaupt erst erkunden können
Dass unsere Bindung nicht wirklich sicher ist und wir so später vielleicht ein zwiespältiges Verhältnis zu Nähe entwickeln, braucht aber keine offensichtliche Gefahr oder Vernachlässigung. Oben habe ich gesagt, dass wir für Sicherheit mehr brauchen, als bloß ein Dach über dem Kopf und Nahrung, sowie etwas Ansprache. Um uns als Kinder sicher zu fühlen, brauchen wir das Gefühl, gesehen, gefühlt und verstanden zu werden. Wir brauchen in einem ausreichenden Maße emotional zugängliche Eltern oder Bezugspersonen, die uns in der Bandbreite unserer Gefühle halten können, ohne vor bestimmten Gefühlen zurückzuschrecken oder manche gar abzulehnen,so dass sich der Gefühlstsunami in uns wieder regulieren kann.
So können wir lernen, dass Nähe sicher ist, dass wir aufgefangen werden und einen sicheren Hafen haben, egal was wir gerade fühlen. Das legt den Grundstein dafür, uns in Not an unsere Eltern zu wenden, zu wissen, dass Nähe Hilfe, Schutz und Unterstützung ist.
Es geht nicht darum, dass wir eine perfekte Kindheit brauchen, oder dass Eltern perfekt sein müssten. Aber wir brauchen „ausreichend gute Elternschaft“ - „good enough parenting“, wie der britische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott sagte. Lange ging man davon aus, dass eine ausreichend gute Elternschaft eben die äußere Versorgung ist. Heute wissen wir, dass es auch das gefühlt werden ist, das wirklich gehalten werden, das verstanden werden und das Empfinden von unseren Eltern oder Bezugspersonen geliebt zu werden, unabhängig von unserem Gefühlszustand oder unserer Leistung. Können Eltern dabei mal völlig daneben liegen, auch mal emotional nicht wirklich erreichbar sein, auch mal getriggert sein von bestimmten Gefühlen oder Verhaltensweisen der Kinder? Na klar, es gibt schließlich kaum bessere Trigger für unsere eigenen Kindheitswunden, als Kinder. Wenn wir uns mit unseren eigenen Themen aber auseinandersetzen, erkennen, wann wir getriggert sind und das ist ein erster Schritt, um nicht einfach in eine automatische Reaktion zu verfellen. Wenn wir unsere Achtsamkeit auf diese Weise auf uns richten, machen wir uns selbst damit ein Geschenk und als Eltern auch unseren Kindern.
Wenn der Mensch, der uns eigentlich schützen sollte, selbst zur Gefahr wird, lernt unser Nervensystem etwas Kompliziertes: Nähe ist das, was wir am meisten brauchen, und das, wovor wir uns schützen müssen.
Was also geschieht in unserem Nervensystem, wenn wir in der Kindheit nicht ausreichend sichere Bindung erfahren? Der Scanner unseres Nervensystems wird durch die frühe Erfahrung geprägt und teilweise verzerrt. Nähe wird gleichzeitige als Quelle für Sicherheit und Gefahr abgespeichert. Da unser Nervensystem Gefahr immer den Vorrang gibt – weil es diese ja zu umgehen gilt, um sicher zu sein – wird unser Nervensystem nun bei Nähe Alarm schlagen, auch wenn unser heutiges Gegenüber vollkommen sicher ist. Das kann mit Freunden oder Partnern geschehen, aber auch im Kontext von Therapie. Janina Fisher, eine großartige Traumatherapeutin, spricht davon, wie wichtig es als Therapeut ist, sich darüber im Klaren zu sein, dass wir nicht unbedingt der Quell von Sicherheit sind, sondern auch Auslöser von Angst sein können. Denn die potentielle Nähe durch positive Zuwendung und das Zulassen von Gefühlen können sich verdammt gefährlich anfühlen, wenn wir Nähe und Verbindung in der Vergangenheit als gefährlich erlebt und abgespeichert haben. Rückzug, scheinbare Widerstände oder Misstrauen sind einfach die logische Folge unseres Nervensystems uns schützen zu wollen. Das gilt es aufzufangen, das gilt es zu wissen. Gerade für Menschen mit Bindungstrauma ist die therapeutische Beziehung oft der erste Ort, an dem sie die Erfahrung machen können, dass Nähe nicht automatisch Schmerz bedeutet. Um diese Erfahrung wirklich zu registrieren braucht Zeit, Wiederholung und auch Geduld mit dem eigenen Nervensystem.
Unser Nervensystem will uns schützen, auch wenn wir das heute vielleicht nicht mehr brauchen oder es uns sogar im Weg steht. Und doch ist es so wichtig, die schützende Motivation unseres Nervensystems erstmal zu ehren und hinter den unterschiedlichsten Verhaltensweisen zu erkennen, mit denen wir Nähe dann doch wieder auf Abstand halten oder manchmal sogar kaputt machen. Schutz vor Nähe kann die offensichtliche Sabotage von Nähe sein, indem wir den anderen dauernd kritisieren oder uns komplett zurückziehen. Wir können aber auch durch Humor oder nach außen präsentierte Stärke Menschen auf Abstand halten. Hinter der Herausforderung, um Hilfe zu bitten, oder sich anderen in unserer Überforderung mit einer bestimmten Situation zu zeigen, kann die Angst vor Nähe liegen. Paradoxer Weise wird echte Nähe aber auch durch Verschmelzung mit anderen vermieden, wenn wir mehr beim anderen und dessen Bedürfnissen sind und die Verbindung, um jeden Preis aufrechterhalten wollen. Sowohl das auf Abstand halten, als auch das Klammern sind Versuche unseres, durch die Vergangenheit geprägten Nervensystems, für Sicherheit zu sorgen. Wenn wir uns das ins Bewusstsein rufen und beginnen, manche unserer Verhaltensweisen als Schutzmechanismen unseres Nervensystems zu verstehen, dann können wir anfangen, es an die Hand zu nehmen und neue Erfahrungen machen. Wenn du noch mehr über das Nervensystem erfahren möchtest, dann lies dir gerne auch meinen Beitrag „Was dein Nervensystem mit Heilung zu tun hat“ an.
Rückzug, Kritik, Humor oder Klammern: Was wie Sabotage von Nähe aussieht, ist oft nur der Versuch unseres Nervensystems, uns zu schützen.
Wenn du bis hier her gelesen hast, kennst du wahrscheinlich das Dilemma um Nähe. Erlaube dir zu erkennen, wie du dieses Dilemma lebst, welche Muster du hast, um Menschen auf sicheren Abstand zu halten, während du dich innerlich nach Nähe sehnst. Und wisse, wenn du diesen Zwiespalt in dir trägst, dann bist du nicht verkehrt. Es ist einfach die Schutzreaktion deines Nervensystems auf eine „verkehrte“ Welt. Der erste Schritt zu mehr Nähe ist der Beginn, uns selbst näher zu kommen. In jedem Moment, in dem du hier etwas von dir erkannt hast und ein wenig Neugierde oder ein sanftes „Aha“ gespürt hast, bist du dir näher gekommen. In jedem Moment, den du in Zukunft innehältst, nachdem du beispielsweise auf eine gefühlvolle Äußerung eines anderen einen Witz gemacht hast und erkennst, dass dein Nervensystem wohl Alarm geschlagen haben muss, weil eine gefühlvolle Äußerung zu viel Nähe bedeuten könnte – kommst du dir näher. Das Paradox von Nähe wollen und Nähe fürchten wird sich dadurch nicht einfach auflösen. Es geht erstmal darum es zu erkennen, zu verstehen, woher es kommt und dich ihm freundlich zuzuwenden.
Der erste Schritt zu mehr Nähe mit anderen ist der Schritt, uns selbst ein kleines Stück näherzukommen.
Bevor ich noch zu ein paar Reflexionsfragen komme, möchte ich noch sagen, dass manchmal natürlich der Impuls zu Abstand und Rückzug völlig richtig und OK sind. Aber in diesem Beitrag habe ich den Fokus darauf gelegt, wo wir auf Abstand gehen oder Nähe abwehren, weil eine alte Angst vor Nähe getriggert wurde, auch wenn wir eigentlich sicher sind.
Abschließend habe ich noch ein paar Fragen, die du für dich mitnehmen kannst:
Wann merkst du, dass dir Nähe „zu viel“ wird und gehst du auf Abstand? Wie machst du das?
Auf welche Weise hält dein Nervensystem Menschen auf Distanz?
Welche Menschen oder Situationen fühlen sich für dich sicher genug an, dass du Nähe zulassen kannst?
Nähe wollen und Nähe fürchten, beides darf in dir sein. Beides hat einen Grund. Und beides trägt die Einladung in sich, dir selbst ein kleines Stück näher zu kommen.