19.2.2026

Wenn Freude sich nicht sicher anfühlt – wie Schutzmuster aus der Vergangenheit heute noch wirken

Hier kannst du dir den Beitrag als Podcast-Episode anhören:
Du kannst meinen Podcast »VerbundenSein« auf Spotify, Deezer oder Apple Podcast abonnieren:

Freude, das ist doch etwas Wunderbares, wie kann sich das nur nicht sicher oder nicht gut anfühlen? Aber etwas hat dich an dem Titel dieses Beitrages ja neugierig gemacht. Vielleicht kennst du es also, dass es manchmal schwer sein kann, Freude, Anerkennung und Gutes in vollen Zügen zu genießen.

Du lachst – und im nächsten Atemzug fühlst du Scham.
Ein Erfolg – und du redest ihn schnellstmöglich klein.
Ein leichter Tag, in dem alles fließt – und plötzlich kommt Unruhe auf, dass gleich etwas schlimmes passieren könnte.

Manchmal haben wir nicht Angst vor Schmerz oder Herausforderung, sondern vor innerer Weite, Freude und dem Guten. Dann fühlt sich Freude für unser Nervensystem wie „zu viel“ an, obwohl es ein so nährendes, stärkendes und regulierendes Gefühl sein kann. Wenn dem so ist, dann hast du in deiner Kindheit vielleicht erlebt, dass Freude oder Gutes ein Risiko in sich bergen können, wie Verlust, Beschämung, Neid, Bestrafung oder die Angst, dem Guten nicht gerecht zu werden.

Manchmal ist es schwer, sich voller Vertrauen in Freude und das Gute fallen zu lassen.

Falls du es kennst, dass Freude oder Gutes vielleicht kurz OK sind, du dich dann aber lieber wieder darauf konzentrierst, wo es noch etwas zu verbessern gibt, wo etwas nicht so gut läuft – dann lade ich dich ein, dir genau das für einen Moment so liebevoll du es kannst einzugestehen. Sieh diese Herausforderung, die du hast und atme zu ihr hin – weite den Raum ein wenig, mach ihn weich. Und spüre: „Ja, manchmal ist es schwer, sich voller Vertrauen in Freude und das Gute fallen zu lassen. So ist das manchmal.“

Durch diesen Moment des Innehaltens muss sich nichts verändern – er ist lediglich die Einladung, mit etwas zu sein, das du in dir trägst. Aber du hast dir einen kostbaren Moment mit dir selbst geschenkt und das alleine zählt schon.

Bevor ich tiefer einsteige, möchte ich dir eine kleine Orientierung an die Hand geben: Es gibt ein paar typische Wege, wie Freude „unsicher“ werden kann. Manchmal fühlt sie sich zu laut an. Manchmal ist sie verknüpft mit „gleich wird’s mir wieder genommen“. Und dann wieder kann sie mit Schuld oder Verrat gekoppelt sein. Schau mal, was dich im weiteren Verlauf am meisten anspricht.

Wie sieht es im Alltag eigentlich aus, wenn Freude sich nicht sicher anfühlt oder wir Gutes nur zögerlich annehmen und genießen können?

Stell dir vor, du bekommst ein ehrliches Kompliment – dafür, wie klug du bist, wie liebevoll sich jemand bei dir empfangen gefühlt hat, wie praktisch begabt du bist, wie ansteckend dein Lachen ist, oder was auch sonst dir noch einfallen mag. Kurz spürst du eine Freude in dir aufsteigen. Aber dann wiegelst du ab: „Ach ja, so klug bin ich auch wieder nicht, in anderen Bereichen verstehe ich oft gar nicht so viel“. Auf das Kompliment bezüglich deines ansteckenden Lachens wendest du deinen Blick vielleicht ein wenig beschämt ab, da du dein Lachen eigentlich immer ein wenig zu laut findest.

Wenn wir Komplimente kleinreden, oder Scham aufkommt, dann kann es sein, dass du irgendwann einmal gelernt, dass sprudelnde Freude – oder  Stolz auf etwas, das du gut geschafft hast – zu etwas Gegenteiligem geführt hat. Wenn wir als Kinder bewusst oder unbewusst gelernt haben, dass es sich nicht ziemt auf sich selbst stolz zu sein, dann lernen wir, uns dem anzupassen. Dann sind wir nicht mehr freudig stolz auf etwas und zeigen uns mit dem, worüber wir uns freuen, denn wir handeln uns dadurch ja eine Rüge ein, wären damit unpassend.

Ausgelassenheit kann sich wie Verrat anfühlen, wenn in deinem Zuhause Traurigkeit und Schwere den Ton angegeben haben.

Manchmal spüren wir aber auch in einem unserer Eltern eine innere Schwere und Traurigkeit. Dann kann sich Ausgelassenheit und unbeschwerte Freude so anfühlen, als würden wir Mama oder Papa verraten.

Auch vorgeburtliche Erfahrungen im Bauch oder Erlebnisse um die Geburt herum können unsere Freude und unsere Lebendigkeit dämpfen. Aus meiner Warte kommen wir alle hier auf die Welt, weil wir das wollen, da ein Lebenswille ist – auch wenn sich das ganz sicher nicht immer so anfühlt. Wenn du aber an ein Baby denkst, dann kannst du vielleicht diesen unbeschwerten, unschuldigen Lebenswillen spüren, den auch du in dir trägst. Wenn dieses Pulsieren, dieses Wachsen, dieser Wille zu leben nun darauf treffen, dass wir im Mutterbauch Ambivalenz oder Ablehnung erleben, dann kann sich schon da das Gefühl entwickeln, wir müssten uns zurücknehmen, etwas mit uns sei vielleicht nicht richtig.

Und selbstverständlich dachten wir uns das damals im Uterus nicht genau so. Der kleine Knopf, der wir damals waren, wird sich nicht in eine Denkerpose geworfen haben und sich gedacht haben; „Hm, scheinbar bin ich hier nicht erwünscht, dann werde ich mal etwas leiser sein“. Unser Denken war damals noch lange nicht in Sicht, aber unser Fühlen ist von Anfang an da. Und unser Nervensystem speichert: „zu viel, zu laut, zu lebendig ist riskant.“

Später wundern wir uns dann vielleicht, warum wir ein plötzlich aus uns herausbrechendes Lachen am liebsten wieder zurücknehmen würden oder warum es uns so schwer fällt für etwas anerkannt zu werden. Anerkennung macht uns sichtbar und wenn ich das Beispiel der Ablehnung im Mutterbauch nehme, dann ist Sichtbarkeit nichts Gutes, weil dann könnten wir ja stören.

Anerkennung macht sichtbar – und wenn Sichtbarkeit früher riskant war, fühlt sie sich heute nicht automatisch gut an.

Übrigens möchte ich hier kurz anmerken, dass diese Zusammenhänge und frühen Prägungen durchaus komplexer sind, als ich sie hier darlege. Ich möchte dir hier einfach ein paar Ideen mitgeben, warum sich Freude für dich vielleicht nicht sonderlich gut anfühlt.

Auch übermäßige Selbstkritik kann Ausdruck dafür sein, dass Gutes und Freude nicht sicher anfühlen. Dann erleben wir zwar einen kurzen Moment der Freude über etwas, das wir geschaffen oder erreicht haben. Im nächsten Schritt aber kritisieren wir uns für das, was noch nicht perfekt war, was wir hätten besser machen können – statt den Moment uneingeschränkt zu genießen. Die Ursache dafür kann sein, dass wir von unseren Eltern oder in der Schule hohen Ansprüchen ausgesetzt waren, unsere Fehler kritisiert wurden, damit wir uns ja noch weiter steigern. Wie soll man sich da vorbehaltlos freuen, wenn doch immer gleich der nächste Hinweis folgt, wo wir dann doch wieder nicht gut genug waren, oder warum wir eine 1 und keine 1+ geschrieben haben.

Dann gibt es auch noch Sprichwörter und Redewendungen, die wie

 „Freu dich nicht zu früh“,
„Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“
„Verschrei es nicht“ (wenn man Vorfreude fühlt und positiv gestimmt ist)
„Wer hoch steigt, kann tief fallen“
„Wer den Kopf zu hoch trägt, stößt ihn sich“
 „Übermut tut selten gut“

„Freu dich nicht zu früh“, das habe ich auch lange in mir getragen. Lieber keine Vorfreude, denn am Ende weiß ich ja doch nicht, was kommt und dann wird die Enttäuschung um so größer. Tatsächlich hing dieses Sprichwort bei mir auch mit meinem frühen Trennungstrauma zusammen: Ich hatte es auf die Welt geschafft, war geboren worden. Das war nicht leicht, das war nicht super schön, weil ich plötzlich und ohne Vorwarnung durch einen Kaiserschnitt in die Welt gebracht wurde – aber mein ganzes Sein hat vom Moment der Empfängnis darauf hingewirkt, hier auf der Erde zu landen. Und so verrückt es klingen mag: Ich weiß, dass ich hierher wollte. So hatte ich es also geschafft, aber dann kam die Trennung von meiner leiblichen Mutter, da ich zur Adoption freigegeben wurde.

„Lieber nicht zu früh freuen“ ist oft kein Pessimismus – sondern eine Erinnerung an Verlust.

Ich habe erlebt, dass etwas, worauf ich mich gefreut hatte, worauf mein ganzes Sein hingestrebt hatte, ganz fürchterlich endete – nämlich mit der Trennung von allem mir bisher bekannten. Und ja, es ist vielleicht nicht so leicht, sich vorzustellen, dass etwas, woran wir uns nicht explizit erinnern können, großen Einfluss auf uns hat. Aber heute wissen wir auch durch Forschung, wie prägend gerade implizite, also unbewusste Erinnerungen sind.

Mein Glaubenssatz, den ich also mitnahm war: „Lieber nicht zu früh freuen.“

Und vielleicht kennst du genau dieses Muster auch, ganz unabhängig davon, ob du deine frühe Geschichte kennst oder nicht. Es gibt die unterschiedlichsten Erfahrungen, die zu diesem Glaubenssatz führen können. Wenn du einen einschränkenden, das Gute und die Freude dämpfenden Glaubenssatz in dir trägst, dann ist das ziemlich wahrscheinlich das Resultat einer Anpassung, einer Erfahrung, die für deine volle und freudige Lebendigkeit keinen Raum hatte – egal ob du dich konkret daran erinnern kannst oder nicht.

Zum Abschluss nochmal ganz kompakt die drei häufigsten Muster, die ich in der Praxis immer wieder sehe:

1) Freude kann sich wie Kontrollverlust anfühlen, weil unser ausgelassenes oder albernes Sein zu Abwertung, Nicht-ernst-genommen-Werden oder sogar Strafe geführt hat.

2) Verknüpfung von Freude mit der Erfahrung: „Gleich wird’s mir wieder genommen“. Das entsteht, wenn auf schöne Momente ein Einbruch folgte, weil wir vielleicht spürten, dass jemand uns unsere Freude nicht gönnt und sich zurückzieht.

3) Freude kann gekoppelt sein mit dem Gefühl von Schuld oder Verrat. Gerade wenn wir als Kinder funktionieren und brav sein mussten, denn kann es sein, das wir Freude als egoistisch empfinden oder meinen, all jene im Stich zu lassen, denen es gerade nicht gut geht.

Du bist nicht falsch, wenn Freude sich unsicher anfühlt. Es kann eine kluge Schutzanpassung deines Systems sein.

Wenn du dich in einigem wiedererkennst, erinnere dich: Du bist nicht falsch. Dass Freude sich unsicher anfühlt, kann eine kluge Schutzanpassung deines Systems gewesen sein. Vielleicht magst du das erst einmal ehren – und dann beim nächsten Mal ausprobieren, ob du zwei Atemzüge länger bei der Freude bleiben kannst.

Für genau diese Herausforderung – das Gefühl, dass Freude nicht sicher ist ­– habe ich eine zusätzliche Podcast-Folge gemacht: „Meditation: EFT – Wenn Freude nicht sicher ist“.

Die Emotional Freedom Techniques (EFT), erlauben es dir, auf sichere Weise das zu ehren, was sich nicht sicher anfühlt. Du darfst mit dem sein, was ist und dadurch kann von innen heraus eine Veränderung eintreten.

Link zur passenden Podcast-Folge: »Meditation: EFT – Wenn Freude nicht sicher ist«:

➳ ➳ ➳ Wenn du auf den folgenden Link klickst, kommst du bei Spotify zur geführten EFT Sequenz: spotify.com/episode/6j9lwaOx4qag1I2wSfs8pj?si=WNwCDAFCTuu_EWmnQ7rGFA

Falls du Podcasts nicht auf Spotify hörst, findest du hier die Links zu allen Plattformen, auf denen VerbundenSein zu hören ist: annafienbork.de/podcast-verbundensein