Von inneren Drachen und Prinzessinen – eine Weisheit Rilkes
Das neue Jahr und den Start meines Podcasts »VerbundenSein« möchte ich mit einem Zitat des von mir sehr geschätzten Rainer Maria Rilke beginnen:
»Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht ist alles Schreckliche im Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.«
Vielleicht denkst du dir jetzt: »Was?« oder »Häh?« – wie mein Patenkind sagen würde –: Wie kann ein Drache denn bitte eine Prinzessin sein? Oder aber du fühlst instinktiv, dass an diesem Zitat etwas dran ist.
Lass uns das gemeinsam ein Stück erforschen: Sicherlich kennst du in deinem Leben Momente, auf die du zurückblickst und das Gefühl hast: »Wow, das war hässlich« oder: »Krass, klar war die Kritik an meinem Projekt nicht schön, aber warum trage ich dann noch Tage Groll in mir herum?« Lass uns mal sagen, dass dieser Groll oder ein sehr kontrollierendes und abwertendes Verhalten von uns anderen gegenüber für »das Schreckliche« oder »den Drachen« in Rilkes Zeilen steht.
Innere Drachen und ihre Schätze für uns
Wir alle kennen Drachen oft auch als Hüter von besonderen Schätzen, und genauso sind auch unsere hauseigenen, unsere inneren Drachen: die, die schnell wütend werden, die immer alles kontrollieren müssen, die uns selbst innerlich runtermachen, die sich immer als Opfer von allem und allen fühlen oder die uns antreiben, uns zu optimieren (weil wir aus ihrer Sicht nicht gut genug sind). Diese inneren Drachen sind Beschützer, Aspekte, die wir irgendwann entwickelt haben, um zarte Verletzungen, um tiefe Trauer oder ein Gefühl der Einsamkeit zu schützen. Manchmal entwickeln sie sich aber auch, um in der Kindheit unseren Wesenskern zu schützen – vor Erwachsenen, die zwar ihr Bestes geben, aber uns vielleicht doch nicht so fühlen und sehen können, wie wir es brauchten; vor einer Welt, die nur das Funktionieren, Leistung und Normen anerkennt.
Unsere inneren Drachen oder Beschützer kamen oft zu einer Zeit, in der wir hilflos waren, in der wir allein waren mit Gefühlen, Erfahrungen, emotionalen Verletzungen. Wenn wir uns diesen Drachen, diesen oft nicht schönen Verhaltensweisen oder Mustern zuwenden und anfangen, neugierig zu werden, warum sie da sind, seit wann wir sie in uns tragen und was sie befürchten, was geschehen würde, wenn sie aufhörten, Feuer zu spucken, dann – ja, dann – zeigen wir uns diesen tapferen inneren Anteilen gegenüber als mutig und schön. Wenn wir beginnen, ganz sachte und langsam unser Herz für uns selbst zu öffnen, Neugierde zu entwickeln, statt unsere Drachen zu verurteilen, und vielleicht sogar anfangen, Mitgefühl zu entwickeln, dann erstrahlt genau darin unsere Schönheit. Und es ist immer mutig, uns unseren inneren Drachen zuzuwenden, uns unsere Schatten anzusehen.
Wir erstrahlen in innerer Schönheit, wenn wir uns unseren inneren Schatten zuwenden
Geben wir diesen Drachen liebevollen Raum, gehen wir mit ihnen Beziehung ein, dann öffnen sich dahinter oft Pforten zu zarten, aber vielleicht verletzten inneren Anteilen – den »Prinzessinnen« aus Rilkes Gedicht. Sie konnten nur wegen unserer Drachen überleben. Und das erlaubt uns heute, ganz sacht mit ihnen in Beziehung zu gehen, ihren Schmerz zu fühlen, sie zu halten und zu regulieren. Und dann kann manchmal etwas Magisches geschehen: Wenn Schmerz fließen darf und von uns sicher gehalten wird, dann kann es manchmal plötzlich ganz hell werden in uns, oder es breitet sich eine Stille in uns aus, die zugleich nährend und Raum gebend ist, oder ein Funke unbändiger Freude entzündet sich in uns.
Ich lade dich ein: Wende dich deinen Drachen zu!
Gerne kannst du dir dafür ein paar Fragen stellen. Bevor du das aber tust, verbinde dich mit deinem Herzen und spüre als Erstes in folgende Frage hinein: Was wäre, wenn all deine Drachen, wenn alle Muster oder Gefühle, die dir heute hinderlich erscheinen, ursprünglich aus Liebe und dem Wunsch, dich zu schützen, entstanden sind? Kannst du spüren, dass das Raum in dir öffnet und dir hilft, neugierig zu sein – zumindest ein klein wenig?
Dann kannst du dir gerne folgende Fragen stellen:
♡ Welche Drachen habe ich in meinem Leben?
♡ In welchen Situationen werden sie aktiv und spucken Feuer?
♡ Seit wann ist ein Drache in mir aktiv?
♡ Wovor will er mich beschützen?
Spüre in diese Fragen hinein und richte deine Ohren nach innen: Was kommt dir dazu? Auf manches wirst du Antwort bekommen, auf anderes vielleicht nicht sofort. Aber allein das Hinhören, das Sich-Zuwenden zu diesen inneren Drachen, hat etwas an und für sich Heilsames.
Ich wünsche dir eine feine Begegnung mit deinen inneren Drachen, deinen inneren Prinzessinnen und deiner eigenen Schönheit und deinem Mut, die in jedem Moment erstrahlen, in dem du dich für dich selber öffnest.
♡ ♡ ♡
Wenn du neugierig geworden bist, und mehr über innere Anteile lernen möchtest, dann komme so gerne am 22.1. um 19:30 Uhr zu meinem Live-Online-Workshop »Inneres Kind, innerer Kritiker & Co. – Frieden schließen in dir« dazu.
Infos und die Möglichkeit zur Anmeldung findest du, wenn du hier klickst.