Wenn’s dir irgendwie nicht gut geht: Vom Nebel zur Klarheit in vier Schritten.
Es gibt Zeiten und Tage, an denen wir in einem unbestimmten, vielleicht etwas schweren oder unausgegorenen Gefühl wabern. Etwas geht da vor sich. Und das bekommen wir mit als ein: „Irgendwie geht’s mir nicht gut“, „Ich fühle mich überfordert“ oder „Ich fühle mich wie aufgedreht, unter Dauerstrom“.
In diesem Essay möchte ich diese oft undefinierten oder eher abstraktenZustände mit dir zusammen erforschen. Was, wenn es unendlich hilfreich wäre, dir in solchen Situationen ein wenig Zeit zu nehmen, um aus dem wabernden, nicht wirklich konkreten Empfinden ein konkretes Gefühl, ein Körperempfinden oder auch einen konkreten Glaubenssatz herauszukristallisieren?
Das Abstrakte ist wie ein Spaziergang in der Nebelsuppe.Das Konkrete ist der Moment, in dem der Nebel aufreißt.
Das abstrakte, undefinierte Empfinden ist wie ein Spaziergang in der Nebelsuppe. Die Konkretisierung – das genaue Hinspüren und schrittweise klare Benennen – ist der Moment, in dem der Nebel aufreißt oder du (bildlich gesprochen) auf deinem Weg den Berg hoch über die Nebelgrenze kommst. Plötzlich ist da Licht, klare Konturen, und du kannst dich orientieren. So kannst du deinen inneren Kompass neu ausrichten und dich konkret auf das Gefühl, die klarer gewordene Körperempfindung oder den sichtbar gewordenen Glaubenssatz beziehen. Vielleicht kannst du es dir mit der Zeit zurGewohnheit machen, dass du auf alles, was du in dir wahrnimmst erstmal mit einem: Ah, da bist du. Ich sehe dich. Ich fühle dich.… reagierst, einem Ja zu dem, was gerade ist.
Lass mich dir ein Beispiel für den Weg vom Abstrakten zum Konkreten geben: Deine Kolleginnen oder Kollegen sind krank, und du musst einige ihrer Aufgaben übernehmen. Du meinst, doppelt funktionieren zu müssen, weil sie ja ausfallen. Um das Pensum irgendwie zu schaffen, denkst du dir: „Zähne zusammenbeißen und durch.“ Nach einer Weile merkst du, dass es dir nicht gut geht, dass du dich gestresst und überfordert fühlst. Aber die Arbeit ruft – und so machst du weiter, während Stress und Überforderung sich wie zusätzliches Gepäck auf deineSchultern legen. Und das ist anstrengend.
Sobald du konkret wirst, entsteht etwas Entscheidendes: Selbstkontakt.
Wie aber kommst du aus dem Nebel heraus? Wie kannst du aus dem diffusen Gewicht von „Mir geht’s irgendwie nicht gut“ oder „Ich bin überfordert“ herauskommen? Zuerst würde ich dir übrigens gratulieren, dass du überhaupt mitbekommen hast, dass du dich gestresst oder überfordert fühlst. Ja, du hast richtig gehört: Dieses kurze Erkennen bedeutet, dass du dich zumindest zu einem gewissen Grad wahrnimmst, dass du mit dir in Verbindung bist.
Nun führt dieses kurze Wahrnehmen allerdings noch nicht dazu, dass sich derNebel lichtet. „Mir geht’s irgendwie nicht gut“ oder „Ich bin überfordert odergestresst“ sind erst einmal Bezeichnungen. Vielleicht löst diese Benennung sogar innere Kritik in uns aus, wie etwa: „Ich sollte mich nicht so anstellen, andere schaffen das doch auch.“ Der Sonnenstrahl, der den Nebel durchbricht, ist das Innehalten, die Ausrichtung unserer Aufmerksamkeit nach innen und das konkrete Benennen dessen, was tatsächlich in dir vorgeht. DeinNervensystem liebt den Weg zum Konkreten: Sobald du deinen Fokus nach innen wendest – auf dieses „Irgendwie geht’s mir nicht gut“ – nimmst du dich ernst und gehst mit dir in Verbindung. Schon das allein wirkt regulierend für deinNervensystem.
Manchmal haben wir während des Tages keine Zeit, uns zehn Minuten zu nehmen, um achtsam in uns hineinzuspüren. Aber wenn du durch einen Nebeltag derÜberforderung und des „Irgendwie nicht gut“-Gehens gegangen bist, dann nimm dir am Abend ein wenig Zeit. Beginne damit, ein paar bewusste Atemzüge zu nehmen und mit deinem Fokus in dein Herz zu gehen. Richte dann deine Aufmerksamkeit auf das Gefühl der Überforderung oder des „Mir geht es nicht gut“ – oder was auch immer es für dich an einem gegebenen Tag sein mag.
Spüre hin: Wo in deinem Körper nimmst du das Gefühl wahr? Und was liegt unter dem Überfordertsein oder dem Nicht-gut-Gehen? Vielleicht spürst du eineTraurigkeit in dir aufsteigen. Nimm sie wahr, begegne ihr, fühle sie. Gib dir ein wenig Zeit mit ihr. Dann kannst du dich innerlich leise fragen, was die Traurigkeit ausgelöst hat – und dir fällt ein, dass in dem Moment, als dir gesagt wurde, dass du die Arbeit deiner Kolleginnen übernehmen musst, derGedanke kam: „Immer bleibt alles an mir hängen. Immer helfe ich, und keiner hilft mir.“
Die Erinnerung an diesen Satz führt dich dann vielleicht zu derKindheitserinnerung, dass du als Schlüsselkind groß geworden bist, dir mittags dein Essen allein gemacht hast und dich um die Hausaufgaben gekümmert hast. Und dabei hast du dich allein und einsam gefühlt. Halte inne. Sende diesem Alleinsein, dieser Einsamkeit in dir den Sonnenstrahl der Liebe deines Herzens. Und dann erkennst du, dass die Situation im Büro dieses alte Gefühl getriggert hat. Du spürst, wie sich in dir nun annehmendes Verständnis dafür entwickelt, warum da diese Nebelschwade des „mir geht’s irgendwie nicht gut“ war.
Das Licht der Klarheit – konkretes Benennen, Hinschauen, Daseinlassen – ist bereits Regulation.
Da war ja aber auch noch die Überforderung. Was wenn du da noch hinspürtest? Hast du dich als Erwachsene überfordert gefühlt oder hast du durch die heutige Situation vielleicht die Überforderung von damals gespürt? Und auch hier geht es nicht darum, irgendetwas wegzureden oder zu reparieren. Allein das Licht der Klarheit, das konkrete Benennen und Hinschauen ist schon regulierend – und tatsächlich sogar Ausdruck von Selbstakzeptanz.
Das Abstrakte, Allgemeine kann hilfreich sein: als erstes Einsortieren, alsBenennung. Aber es ist oft eher ein Konzept, ein kurzes Über-sich-Nachdenken, ohne sich selbst wirklich nah zu kommen. Das Hinspüren und Erfassen dessen, was konkret in dir vor sich geht, erlaubt dir die Begegnung mit dir selbst: eine Begegnung, die Mitgefühl wecken kann und dich mehr in dir selbst ankommen lässt.
Das Abstrakte ist also das: „Ich denke über mich nach und etikettiere einenZustand.“ Das Konkretisieren öffnet den Raum zu: „Ich bin bei mir.“ Denn du gehst in Kontakt mit dir. Und dieser Moment lässt den Nebel aufreißen, lässt dich die Wärme der Sonne fühlen und dein Nervensystem ein wenig entspannen.
Hier nun deine alltagstauglich zusammengefassten vier Schritte hin zumKonkreten, zur regulierenden Verbindung mit dir selbst. Wenn du merkst: „Mir geht’s irgendwie nicht gut“, nimm dir ein wenig Zeit, verbinde dich mit deinemHerzen und frage dich:
1. Was ist das Gefühl oder Wort, das mir kommt, wenn ich zum „Mir geht’s nicht gut“ hinspüre? (Traurigkeit, Druck, Ärger, Leere …)
2. Wo im Körper spüre ich das? (in der Brust, in der Kehle, im Bauch, als allgemeine Verspannung …)
3. WelcherSatz läuft im Hintergrund? („Ich muss alles alleine schaffen“, „Ich schaffe das nie“, „Immer muss ich einspringen“ …)
4. Wenn dieses Gefühl ein innerer Anteil wäre: Wie alt wirkt er und was bräuchte er jetzt? Stell dir einfach die Frage und versuche dir vorzustellen, dein Herz hätte Ohren: Hör hin. (Vielleicht kommt dir „10 Jahre“, und derAnteil braucht, dass jemand sagt „Ich bin bei dir“, oder da ist ein Bedürfnis nach „Pause“ oder „Wärme“.)
Wenn du keine Zeit für diese vier Schritte hast und du im Laufe eines Tagesdeine Überforderung spürst, dann lege einfach deine Hand auf dein Herz, atme dreimal bewusst ein und aus, spüre zum „Mir geht’s nicht gut“ oder zurÜberforderung hin und sag: Ah, da bist du. Ich sehe und spüre dich. Allein dieses bewusste Benennen und Verifizieren macht das Abstrakte ein wenig konkreter, weil du damit bewusst in Beziehung gehst.
Vielleicht bist du also nicht zu sensibel oder nicht belastbar, wenn du dich überfordert fühlst oder das Gefühl hast, dass es dir oft irgendwie nicht gutgeht. Vielleicht will da einfach etwas in dir gesehen und bezeugt werden. DasLeben ist ein Auf und Ab. Es beinhaltet Zeiten, in denen es uns gut und leicht und freudig geht und solche, in denen wir uns nicht gut fühlen, traurig sind, angespannt und gestresst. Wenn du beginnst, diese Momente nicht zu bekämpfen, sondern sie als Einladung zu nutzen, deine Achtsamkeit liebevoll nach innen zu richten ,nährst du den Boden deiner Selbstakzeptanz und deiner Selbstliebe.
Vielleicht ist das, was du „nicht gut fühlen“ nennst, einfach einTeil in dir, der endlich gesehen werden will.
Wenn du heute aus einem allgemeinen „Mir geht’s nicht gut“ einen konkretenSatz machen würdest – was wäre er?
Ich weiß, dass es manchmal gar nicht so einfach ist, diese eigentlich simplen Schritte zu gehen. Und das liegt nicht daran, dass du verkehrt bist oder es nicht richtig machst. Manchmal gibt es unbewusste Widerstände oder Ängste, genauer hinzuschauen. Und auch die sind uns oft nicht bewusst. Auf der bewussten Ebene bemerken wir vielleicht lediglich: „Hey, das war doch eine guteIdee mit dem Hinspüren und Konkretw erden – aber irgendwie mache ich das nicht.“ Prokrastination kann oft ein Hinweis auf unbewusste Ängste sein.
Und manchmal ist es einfach wohltuend, ein Stück desWeges nicht allein zu gehen, sondern eine klare, liebevolle Begleitung zu haben, die dich immer wieder zurück in den Kontakt mit dir führt. Genau dafür ist mein Kurs „Dein Herz ist dein Superheld 2.0“,der am 3. Februar startet. In 6 gemeinsamen Zoom-Treffen in einer Kleingruppe zeige ich dir, wie du die feine Intuition deines Herzens nutzen kannst, um dich selbst besser zu spüren, dich zu beruhigen und dir innerlich Halt zu geben – gerade dann, wenn der Nebel dicht ist. Wenn dich das ruft, findest du alle Infos hier: annafienbork.de/dein-herz-ist-dein-superheld-2
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Das Wunderschöne Foto ist von einer Freundin und Kollegin: Sandra Zimmerli