20.8.2026

Selbstmitgefühl und wenn die Liebe dir schriebe

Hier kannst du dir einen Ausschnitt der Podcast-Episode anhören:
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Was haben Mitgefühl mit uns selbst und die die schöne Übung der Autorin Elizabeth Gilbert: »Letters from Love« miteinander zu tun? Und was bitte sind diese Briefe von der Liebe? Wenn ich um ein klein wenig Geduld bitten darf, dann erfährst du hier, warum Mitgefühl mit uns selbst so wichtig ist und wie jene Briefe von der Liebe dir vielleicht helfen können, dir selbst mit mehr Mitgefühl zu begegnen. Und du bekommst eine ganz alltagstaugliche Anleitung, falls du selber für dich erforschen magst, wie ein solcher Brief von der Liebe an dich ganz persönlich aussehen könnte.

Ich beginne mit der Bedeutung von Mitgefühl mit uns selbst. Dieses und eine liebevolle Hinwendung auch zu unangenehmen Gefühlen oder Verhaltensmustern, ist aus meiner Warte unendlich wichtig, wenn wir verbundener, leichter und zugleich geerdeter durchs Leben gehen wollen. Mitgefühl für uns heißt nicht, dass wir uns rausreden für Verhalten, für das wir durchaus die Verantwortung übernehmen müssen, oder dass wir uns zurücklehnen und sagen »so bin ich halt«. Nein, Mitgefühl und Selbstannahme – mit dem Verständnis, woher bestimmte Gefühle kommen, woher Verhaltensmuster stammen und wozu sie einst dienten, auch wenn sie uns heute vielleicht sogar im Weg stehen können – schaffen einen Herzensraum für Veränderung in uns. Und ja, unser erster Impuls, wenn wir ein unangenehmes Gefühl haben oder uns so verhalten haben, wie wir doch eigentlich nicht mehr wollten ist, dass wir das weghaben wollen, dass wir uns doch bitte einfach gut fühlen wollen. Das ist völlig verständlich, aber das Leben ist einfach ein großes UND, ist die Bandbreite aller Gefühlsfarben. Genau das macht das Leben bunt und lebendig und da gehören eben alle Farben dazu.

Mitgefühl mit uns selbst heißt nicht, uns aus der Verantwortung zu stehlen. Es schafft einen Herzensraum für echte Veränderung.

Ich bleibe mal bei dem Bild der Farbe: Wenn wir an einer Kritik herumkauen und uns schlecht und nicht gut genug fühlen oder innerlich grollen, dass diese Person, die doch bitte auch nicht perfekt ist, es wagt uns zu kritisieren, dann fühlen wir uns vielleicht braun oder grau. Das ist kein so richtig schönes Gefühl. Wenn wir dieses Gefühl, dieses Grau-Braun jetzt einfach wegschieben oder verdrängen oder eine Farbschicht hellen Gelbs darüber streichen, dann kann das den Eindruck machen, wir hätten das Grau-Braun »besiegt« und jetzt sei alles wieder gut. Ich habe hier ganz bewusst das Wort »besiegt« gewählt, da wir bestimmte Gefühle, Körpersymptome oder Verhaltensmuster tatsächlich bekämpfen, wenn wir sie weghaben wollen. Oft höre ich Menschen auch sagen »diese Version von mir mag ich nicht«. Ich kann das schon nachvollziehen, Grau-Braun oder Schwarz fühlen sich nicht sonderlich schön an und wenn wir in der Hitze des Gefechtes unser Gegenüber mit Worten verletzt haben, dann ist das nicht schön. Aber sind dann wirklich »wir« nicht liebenswert? Und was macht das mit uns, wenn wir uns in einer bestimmten Version unserer selbst nicht mögen, uns bekämpfen, vielleicht schuldig fühlen oder uns am liebsten vor Scham im Boden verkriechen würden?

In solchen Momenten machen wir uns schlecht, mögen uns nicht und versuchen uns zu verändern, damit wir uns wieder mögen können. Aber was, wenn wir nicht schlecht oder wenig liebenswert an und für sich SIND, sondern ein Verhalten nicht OK war? Und was, wenn auch unangenehme Gefühle nicht an und für sich schlecht sind und uns in unserem Sein nicht schlecht machen, sondern ganz einfach unangenehme Gefühle sind, die wir fühlen? Was wir tun und fühlen ist so oft eng verwoben mit unserer Identität. Wenn wir in dieser Verstrickung bleiben,  dann hält uns das oft eher in einem Teufelskreislauf des Bekämpfens und uns schlecht-Fühlens gefangen, als zu einer nachhaltigen Lösung zu führen.

Wenn wir auf etwas überproportional intensiv reagieren, dann hat das einen Grund, den wir liebevoll erforschen können.

Und hier komme ich wieder zurück zu Selbstmitgefühl und Selbstannahme. Statt uns also selbst zu verurteilen, könnten wir uns dem schmerzlichen oder unbequemen Gefühl zuwenden und mal probieren, wie es wäre unser Herz für genau diese Emotion zu öffnen. Vielleicht haben wir auch das Gefühl, dass unsere Gefühlsreaktion zum Beispiel auf eine Kritik eigentlich überproportional groß zur gar nicht so massiven Kritik ist. Wenn wir uns nun mit freundlicher Neugierde der grau-braunen Gefühlsmasse aus sich schlecht, nicht gut genug oder grollend zu fühlen zuwenden, dann finden wir vielleicht heraus, dass die Kritik im Heute, alte Erfahrungen getriggert hat. Vielleicht erinnern wir uns daran, dass wir eine ziemlich strenge Lehrerin hatten, die an nichts, was wir taten ein gutes Haar ließ und das auch noch vor der ganzen Klasse zum Ausdruck brachte. Ist es da verwunderlich, wenn wir heute auf Kritik vielleicht etwas »übertrieben« reagieren? In dem Moment, in dem wir uns mit Mitgefühl diesem Gefühl in uns zuwenden, kann sich oft schon etwas lösen, entspannen. Vielleicht fließen ein paar Tränen, die dann aber sanft versiegen und uns mit einem Gefühl hinterlassen, dass sich gar nicht mehr grau-braun anfühlt, sondern irgendwie wie ein sanft umhüllendes Blau.

Allerdings ist es durchaus nicht immer so einfach, uns selbst mit Mitgefühl oder gar Selbstliebe zu begegnen. Und hier möchte ich so gerne eine wunderschöne Übung mit dir teilen, die ich vor einiger Zeit in einem Podcast-Interview mit Elizabeth Gilbert, der Autorin von «Eat, Pray, Love« lernte. Sie erzählte davon, dass sie schon über 15 Jahre mit dem schreibt, was sie bedingungslose Liebe nennt. Mit ihren »Letters from Love« hat sie eine ganze Bewegung in die Welt gebracht und den Link zu ihrer Seite und auch ihrer Anleitung für das Schreiben eines Briefes von der Liebe, findest du unten auf dieser Seite.

Wenn die Liebe dir schriebe, was würde sie dir sagen?

»Was würde die Liebe dich wissen lassen wollen?«, diese Frage stellte Elizabeth in dem Podcast. Und ohne groß nachzudenken spürte ich gleich eine Antwort. Da waren die Worte »Du BIST.« Das mag jetzt nicht wirklich imposant klingen, aber für meinen ganz persönlichen Prozess, für meinen Weg von dem Empfinden, mir meinen Wert, meinen Platz in der Welt verdienen zu müssen, weil mein Sein ja unmöglich wertvoll sein kann – da passten diese beiden Worte und sie berührten mich. Denn es war einfach eine liebevolle Bestätigung meines Seins, jenseits von Tun. Keine Sorge, bei diesen beiden Worten bleibt es nicht. Aber ohne sie wäre ich vielleicht der Anleitung von Elizabeth nicht gefolgt und hätte ihre Übung nicht auch schon an viele Klientinnen weitergegeben.

So setzte ich mich einige Tage später hin und erlaubte mir einfach loszuschreiben, was die Liebe mir wohl zu sagen hätte, jene große, bedingungslose Liebe, die doch mich ganz persönlich und genau so, wie ich gerade bin liebt. Und es war sehr berührend, was da aus meiner Feder strömte und manches hat mich wirklich überrascht. Es fühlt sich ein wenig verletzlich an und doch möchte ich einige Worte aus meinem ersten Brief von der Liebe mit dir teilen: »Du weißt, dass es mich gibt, aber ganz vertraust du mir noch nicht. Du kennst und vertraust mehr der Stimme von ›hardship‹ (dass die Dinge schwer sind), identifizierst dich mehr mit dem Edelweiß, der trotz des kargen Bodens erblüht, als mit der umsorgten und ›empfindlichen‹ Rose. Du darfst auch Rose sein, ›empfindlich‹ – das ist keine Schwäche! Du BIST und ich mit dir, in dir, als du und zugleich mehr. Du bist geliebt und du bist gewollt.«

Sind diese Worte frei erfunden? Ich weiß es nicht. Ich habe sie geschrieben und sie haben mich berührt und ich glaube das ist es, was erstmal zählt. Übrigens habe ich nach diesem ersten Brief lange nicht mehr geschrieben. Entweder hatte ich vermeintlich nichts zum Schreiben da (also nicht unmittelbar vor mir liegen), oder »keine Zeit«. Als ich mich dann aber doch wieder hinsetzte, fühlte ich plötzlich einen Druck in mir, den Anspruch, dass es wieder »gut« werden müsste. Und da wusste ich, warum ich mich vor dem nächsten Schreiben gedrückt hatte: etwas in mir hatte Angst, dass es nicht gut werden würde, ich vielleicht enttäuscht sein könnte. Also gab ich mir die volle Erlaubnis wild drauf los zu fantasieren und mir einfach auszudenken, was ich von jener Liebe, die mich bedingungslos liebt, würde hören wollen. Diese Erlaubnis war befreiend. Es wurde ein kürzerer Brief und doch berührend und auch wieder ein wenig überraschend. Seitdem schreibe ich immer wieder. Und es tut einfach unendlich gut. Manchmal bitte ich die Liebe auch nur innerlich morgens beim Aufwachen »bitte liebe mich, halte mich, hülle mich ein in deine Liebe« und dann stelle ich mir das einfach vor. Wir wissen heute, wie kraftvoll unsere Vorstellung sein kann und meistens lässt mich das Bild der mich umarmender Liebe leise lächeln und es breitet sich Wärme aus in meinem Herzen.

Manchmal brauchen wir etwas Größeres, das uns hält, um uns selbst halten zu können.

Und dann kam eine Phase, in der ich sehr gefordert war, viel Stress hatte und auf einem Spaziergang spürte ich den Stress, aber auch, dass ich mir mit Gedanken vor dem was ansteht, selbst Stress kreiere. Ich würde sagen, das fühlte sich matschig-braun an und ich dachte mir »das gilt es doch loszulassen«, diese stressmachenden Gedanken und das Gefühl von Überforderung. Kaum hatte ich das gedacht, spürte ich, dass das nicht sonderlich liebevoll war, auch wenn es recht neutral formuliert war. Ich hoffte über »loslassen« etwas loszuwerden. Und da fiel mir dann die bedingungslose Liebe ein und innerlich stellte ich mir vor, sie würde mich umarmen und halten. Und tatsächlich fühlte sich das so an, als wäre da etwas das mich hält – oder es war einfach nur das Resultat meiner Vorstellung. Aber dieses Gefühl, dass mich etwas Größeres hält, wie die liebevollen Arme einer Mutter, das half mir, mich dem in mir zuzuwenden, dass sich schon ausmalte, wie stressig alles werden würde und wie überfordernd alles ist. Und so war da so etwas wie eine zweifache Umarmung: das Gefühl, dass ich, als Erwachsene von der Liebe umarmt bin half mir dann, den inneren Anteil, mein inneres Kind liebevoll umarmen, das im Hamsterrad von Überforderung und Stress steckte. So nutze ich die Liebe also nicht, um einem unangenehmen Gefühl einen neuen Anstrich zu verleihen, sondern um liebevollen Raum in mir für jenes Gefühl zu schaffen, bis dann vielleicht von selbst eine neue Farbe entsteht.

Vielleicht haben dich ja meine Worte inspiriert, selbst mal einen Brief von der Liebe zu schreiben. Übrigens brauchst du weder an die Liebe, an irgendetwas Spirituelles oder sonst irgendetwas glauben. Das hat auch Elizabeth Gilbert in jenem Podcast so schön gesagt. Tu einfach so als ob!

Hier nun meine von Elizabeth inspirierte Anleitung: Wenn es eine große, bedingungslose Liebe gäbe, die dich liebt, genauso, wie du bist. Dann könntest du ihr die Frage stellen: »Liebe Liebe, was möchtest du mich heute wissen lassen?« Im nächsten Schritt kannst du innehalten und einfach schauen, was dir assoziativ aus der Schreibfeder als Antwort fließt, also was die Liebe dir antwortet. Oder du kannst das ganze auch wie einen rein fiktionalen Brief halten: gesetzt den Fall, es gäbe diese bedingungslose Liebe und sie würde dir etwas schreiben, dir etwas sagen, was du wissen solltest, was könntest du dir da ausdenken, was sie sagen würde oder was würdest du dir wünschen, dass sie dir sagt?

Du musst also keinen Zugang zu »der Liebe« haben. Elizabeth sagte selbst, dass sie sich 10 Jahre lang einfach ausgedacht habe, was die Liebe ihr schreiben würde, bis sie irgendwann das Gefühl hatte, dass nun wirklich die Liebe ihr schriebe. Es gibt hier also kein richtig und kein falsch, du musst weder »die Stimme der Liebe hören«, noch das Gefühl haben, sie channeln zu können.

Ich lade dich von Herzen ein, diese schöne Übung für dich auszuprobieren und wenn du es getan hast und mit mir teilen magst, wie es dir damit erging, dann würde mich das freuen.

Abschließend möchte ich noch einen Brief teilen, den ich eines morgens schrieb, als ich das Gefühl hatte, dass ich die Liebe gerade so richtig, richtig gut brauchen könnte, einfach weil so viel los war. Und die Worte, die kamen, waren folgende: »Ja, wir sitzen neben dir und streicheln zart deinen Kopf. Ja, wir umhüllen deine Nervenbahnen und flüstern voller bedingungsloser Liebe deinem Nervensystem zu: du bist nicht allein. Wir sind immer für dich da, immer. Wir spüren jeden Windhauch, jeden Sturm in dir und du bist damit nicht alleine. Du bist und unsere Präsenz ist dein immerwährender Ankerpunkt. Wir sind die Tiefe deiner Wurzeln, wir sind der Atem deiner Flügel, wir sind der Pulsschlag deines Herzens.«

Vielleicht berühren dich diese Worte, wärmen etwas in dir. Oder aber du denkst dir etwas wie »was für ein Quatsch« oder »so ein Kitsch«. Auch hier darf die ganze Bandbreite sein, denn wir alle sind Einzigartig mit unterschiedlichsten Reaktionen. Aber ich lade dich ein, neugierig auf deine Reaktion zu sein: Was berührt dich? Warum fühlst du eine Ablehnung oder spürst große Zweifel an diesen ominösen Briefen der Liebe? Diese Fragen zu erforschen kann wirklich spannend sein und du kannst dir dabei selbst näher kommen, dich noch ein Stück besser kennenlernen. Übrigens ist mir die zweifelnde Stimme auch nicht fremd, aber sie koexistiert in mir mit der Berührtheit und dem tiefen Gefühl, dass da etwas dran ist. Der Zweifel darf sein, hält mich aber nicht davon ab, mir diesen Halt, diese Unterstützung der Liebe zu holen.

➳ ♡ ➳ Elizabeth's Anleitung zum Schreiben eines Briefes von der Liebe findest du, wenn du hier klickst.

➳ ♡ ➳ Mehr Informationen über Elizabeth Gilbert und ihr Raum für »Letters from Love« findest du, wenn du hier klickst.