Nein sagen trotz Schuldgefühl | Zitat von Gabor Maté
Schuldgefühle oder Groll. Wenn du wählen müsstest, wofür würdest du dich entscheiden? Gabor Maté hat darauf eine überraschend klare Antwort.
Er sagt: »Wenn ein Nein dir Schuldgefühle beschert und ein Ja Groll hinterlässt, dann entscheide dich für die Schuldgefühle. Groll ist Seelenselbstmord.«
Nein zu sagen, eine Bitte um Hilfe abzulehnen, an manchen Stellen die eigenen Bedürfnisse vor die anderer zu stellen, das kann ganz schnell ein Gefühl von Schuld in uns auslösen. Und das ist verflixt unangenehm. Wer sind wir denn, Nein zu sagen? Vielleicht kommen Ängste auf, dass andere uns dann nicht mehr mögen, oder wir zweifeln an unserem eigenen Nein, weil wir ja doch noch ein bisschen Kapazität hätten. All das kann es ganz schön schwer machen, Nein zu sagen und mal nicht allen zu gefallen.
Aber wenn wir regelmäßig auch dann Ja sagen, wenn es uns eigentlich zu viel ist, wenn wir gerade selbst Hilfe oder ein offenes Ohr bräuchten, dann baut sich in uns ein Gefühl von Groll und Unmut auf. Anfangs oft still und leise, mit der Zeit immer deutlicher. Denn wenn ein Ja für andere mit einem Nein uns selbst gegenüber gekoppelt ist, dann fühlen wir uns zwar erst einmal gut, weil wir niemanden hängen lassen. Aber auf einer anderen Ebene in uns fühlt sich ein solches Ja im Außen alles andere als gut an. Ein solcher Groll kann sich mit der Zeit in all unsere Lebensbereiche hineinfressen und zu Verbitterung führen. Wir sagen dann vielleicht weiterhin Ja, bemühen uns um eine freundliche Miene, aber die dauerhafte Verleugnung und Verneinung unserer eigenen Bedürfnisse schürt Groll.
Ist nun das Empfinden von Schuldgefühlen oder von Groll unangenehmer? Beide fühlen sich nicht gut an. Aber wenn ich mit einem Nein im Außen einem Ja zu mir selbst Ausdruck gebe, dann nähre ich damit mein System, selbst wenn dadurch Schuldgefühle geweckt werden. So oft haben wir schon früh gelernt, unsere Authentizität und unsere Bedürfnisse zu unterdrücken, um unser Bedürfnis nach Sicherheit durch Zugehörigkeit zu stillen. Damals war das ein Weg für uns zu überleben. Heute dürfen wir beginnen, neu zu wählen. Und vielleicht bringt es dich dir selbst ein Stück näher, trotz Angst oder Schuldgefühlen Nein zu sagen, statt weiter Nein zu dir selbst zu sagen. Für Gabor Maté ist Groll Seelenselbstmord. Diese Worte mögen hart klingen. Aber was, wenn sie einfach ein leidenschaftliches Plädoyer dafür sind, mehr zu dir zu stehen, deiner Seele, deinem Sein mehr Raum zu verschaffen?
Beobachte vielleicht einmal für dich, wie du dich nach einem Ja im Außen fühlst, das im Inneren ein Nein dir gegenüber war. Und schau hin, was es mit dir macht, wenn du mal wieder zusagst, dass natürlich du den sinnbildlichen Kuchen für das nächste Treffen bäckst, weil es sonst niemand kann. Du musst gar nicht gleich etwas ändern. Erlaube dir einfach, deinen Jas und deinen Neins nachzuspüren.
Das Bild für diesen Beitrag habe ich bewusst gewählt: damit unser innerer Garten erblühen kann, bedarf es auch einer klaren Unterscheidung und manchmal auch eines Neins nach Außen. Der Zaun steht hier für das Nein nach Außen, das aber ein Ja nach innen ist. Treffend finde ich an diesem Bild auch, dass der Zaun eine Grenze setzt, aber doch den Blick offen lässt und so die innere Schönheit nach außen dringt. Vielleicht magst du dir dieses Bild vor Augen halten, wenn du mal Nein sagst.
Das Originalzitat ist »If a refusal saddles you with guilt, while consent leaves resentment in its wake, opt for the guilt. Resentment is soul suicide.«, aus »When the Body Says No«, S. 257. Hier habe ich es frei übersetzt.