Flucht vor dem Schmerz oder Suche nach Freude?
Heute habe ich ein Zitat von Sigmund Freud, das im ersten Moment vielleicht dem widerspricht, wie du dich selbst erlebst. Lass die Worte auf dich wirken und vielleicht überraschen sie dich.
»Wir streben mehr danach, Schmerz zu vermeiden, als Freude zu gewinnen.«
Das stimmt doch nicht, magst du dir vielleicht denken. Und ja, Freuds Zitat kann erstmal genau diese Reaktion hervorrufen. Aber erlaube dir, die Wort einfach mal sacken zu lassen:
»Wir streben mehr danach, Schmerz zu vermeiden, als Freude zu gewinnen.«
Was macht dieses Zitat mit dir?
Könnte da ein Quäntchen Wahrheit dran sein?
Und wie könnten diese Worte gemeint sein?
Aus meiner Erfahrung streben wir durchaus danach Freude zu gewinnen, Dinge zu tun, die uns Spaß machen: Wir treffen uns mit Freunden; erbringen eine gute Leistung, weil wir uns damit gut fühlen; streben danach, eine harmonische Beziehung zu führen, damit wir uns sicher fühlen und Freude erleben; lesen ein spannendes Buch, oder schauen uns einen guten Film an; treiben Sport ...
Also, da wäre doch der Beweis, wie viel wir tun, um Freude zu gewinnen - oder?
Genau hier kommt jetzt ein ganz spannender Aspekt herein: Was, wenn wir manchmal Dinge tun, die uns Freude machen, damit wir NICHT fühlen müssen, dass tief in uns eigentlich ein Schmerz ist? Und wenn dem so ist, dann streben wir nach Freude, leisten oder tun wir, um genau diesen Schmerz zu vermeiden. Es geht dann also nicht um die Freude an sich. Die Freude, die Leistung, die Anerkennung, das Beschäftigt sein werden benutzt, um etwas schmerzliches zu überlagern, zu vermeiden, nicht hochkommen zu lassen.
Bevor du jetzt empört aufhörst zu lesen: natürlich ist das nicht immer so. Natürlich tun wir auch Dinge, die uns Freude machen, einfach um der Freude willen! UND: wir tun vielleicht öfter als wir denken, Dinge im Leben, um Schmerz zu vermeiden. Das ist nichts Schlimmes und dieser Schutzmechanismus der Ablenkung hat uns eventuell sogar lange gut gedient. Aber in meiner Erfahrung wird das Empfinden von Freude um ein vielfaches heller, prickelnder und zutiefst erfüllend, je mehr wir auch offen sind, uns für unsere schmerzlichen oder unangenehmen Gefühlen zu öffnen. Denn wenn wir die Freude nicht brauchen, um etwas anderes in uns zu unterdrücken oder zu vermeiden, dann wird ganz viel Energie frei.
Was ist aber nun mit den schmerzlichen Gefühlen, die wir vielleicht doch immer wieder versuchen zu umgehen? Was geschieht, wenn wir uns ihnen zuwenden? Wenn wir uns etwa physisch verletzen, das Knie aufgeschürft haben, dann wenden wir uns in der Regel davon nicht ab. Wir wenden uns vielmehr der Wunde zu, reinigen sie und versorgen sie. Gerade das Reinigen kann nochmal so richtig weh tun, aber dieser Schmerz verebbt und die Wunde kann heilen. Würden wir aus Angst vor dem Schmerz des Reinigens die Wunde ignorieren, könnte es sein, dass sie sich entzündet, wir noch mehr Schmerzen bekommen und am Ende eine große Narbe bleibt.
Wenn wir uns unseren emotionalen Wunden zuwenden, dann ist das auch ein wenig so, als würden wir die alte Verletzung reinigen, vielleicht beginnt sie auch nochmal zu bluten – aber die Hinwendung ist der Beginn für den Heilungsprozess. Alles, was wir zu vermeiden suchen ist anstrengend und bleibt bestehen oder wächst. Es lohnt sich, hinzuschauen.
Was wäre, wenn du Freud’s Zitat als Einladung nimmst, einfach neugierig zu schauen, wo du Freude, Spaß, das Streben nach Glück vielleicht nutzt, um etwas anderes nicht zu fühlen?
➳ Machst du dir zum Beispiel dein Lieblingslied zum Tanzen gerade an, weil du dich einfach freudig bewegen willst, oder dient es dazu, dich abzulenken, ein schmerzliches Gefühl wegzumachen?
➳ Strebst du nach Harmonie in der Beziehung, weil da eigentlich Angst vor Konflikt ist?
➳ Suchst du die Freude des Erfolgs oder einer guten Leistung, um nicht zu fühlen, dass etwas in dir sich vielleicht im Kern nicht gut genug fühlt?
Die Antworten sind definitiv nicht immer schwarz weiß, aber erlaube dir zu erkennen, ob ein bestimmter Prozentsatz deines Strebens nach Freude und guten Gefühlen davon geprägt ist, Schmerz zu vermeiden.
Dieses neugierigen Fragen können der Beginn dafür sein, dass deine Freude noch freier erblühen kann und deine schmerzlichen Gefühle liebevoll von dir umarmt werden können und mit der Zeit zur Ruhe kommen.