16.4.2026

Der Preis der Verlässlichen: Erschöpft und nie ganz bei dir

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Diese Folge ist für dich, wenn du jemand bist, auf die andere zählen. Die Verlässliche. Die, die nicht absagt, die nicht klagt, die einfach da ist. Und vielleicht ahnst du beim Lesen dieser Worteschon, dass da auch eine Kehrseite ist, eine, die du vielleicht noch nicht ganz in Worte fassen konntest.

Lass mich dich kurz auf eine kleine imaginäre Reise zu einer Frau nehmen, die unglaublich verlässlich ist und auf die andere immer zählen können. Ich möchte sie hier Inga nennen und sie entspringt meiner Fantasie – obwohl ich ähnliche Muster und Verhaltensweisen durchaus persönlich kenne.

Inga ist auf der Geburtstagsfeier einer guten Freundin. Die Feier ist schon ein wenig fortgeschritten, einige leereGläser stehen herum, und auf dem Buffet ließe sich auch Ordnung schaffen. Ganz selbstverständlich, vielleicht auch ein bisschen automatisch, krempelt Inga die Ärmel hoch und fängt an, für Ordnung zu sorgen. Sie spült gerade ein paar Gläser in der Küche, als sie eine Bekannte sagen hört: „Wie gut, dass du da bist, Inga. Auf dich ist immer Verlass, dass du für Ordnung sorgst."

Manchmal lächeln wir nach außen, fühlen im inneren aber einen faden Beigeschmack.

Inga lächelt kurz in die Richtung der Bekannten, ohne wirklich benennen zu können, wie es ihr mit dieser Aussage geht. Einerseits fühlen sich diese Worte gut an, denn Inga ist meistens die, auf die andere sich verlassen. Aber gleichzeitig hat diese Bemerkung so etwas wie einen faden Beigeschmack, ohne dass sie im Moment sagen könnte, was genau es ist.

Als sie sich wieder zur Gruppe gesellt, sind die anderen lebhaft in ein Gespräch vertieft, in das sie keinen Einstieg findet. Inga fühlt sich ein bisschen unwohl, nicht wirklich dazugehörig. Und dann fällt ihr ein, dass sie sich doch vor einiger Zeit vorgenommen hatte, mehr auf das zu hören, was sie für sich selbst braucht, statt immer zuerst das Augenmerk auf das zu richten, was andere brauchen. Das hat gerade nicht wirklich funktioniert und Inga merkt, dass sie anfängt, sich innerlich dafür zu verurteilen, schon wieder in ihr übliches Muster verfallen zu sein.

Die verlässliche Stärke im Außen, der Fokus auf die Bedürfnisse anderer hat oft einen
hohen Preis: innerer Druck, Erschöpfung und die Entfremdung von sich selbst.

Vielleicht kommt dir einiges aus dieser Geschichte bekannt vor. Das muss nicht unbedingt das genau gleiche Beispiel der Geburtstagsfeier sein, es kann auch die allgemeine Wachsamkeit und Bereitschaft sein, immer zu schauen, was gebraucht wird. Oder du sagst fast automatisch „Ja“, wenn du um etwas gebeten wirst und merkst erst hinterher, dass du das eigentlich nicht hättest tun wollen.

Nach außen wirken Menschen wie Inga stark und verlässlich. Sie sind wie der Fels in der Brandung. Oft sind solche Personen auch gut organisiert und bekommen immer unglaublich viel auf die Reihe – so, dass Außenstehende sich manchmal direkt faul fühlen. Innerlich aber entsteht häufig ein großer Druck, eine Daueranstrengung, da man immer wachsam sein muss, egal wie erschöpft man vielleicht schon ist. Mit der Zeit kann es auch sein, dass sich ein innerer Frust oder Groll aufbaut, das Gefühl, immer alles selber machen zu müssen und vielleicht auch das Empfinden, dass andere faul sind und einen ausnutzen. Oder man weiß darum, wie wichtig es wäre, den Fokus mehr auf sich selbst zu richten, aber irgendwie funktioniert das nicht und das erhöht den inneren Druck.

Das Bild ist aber noch vielschichtiger: Da wir komplexe Wesen sind und wir kulturell und kirchlich auch oft so geprägt sind, wie gut es ist, anderen zu helfen und pflichtbewusst zu sein, kann es auch Anteile in Menschen wie Inga geben, die sich über ihr Tun definieren, sich dadurch gut fühlen und wertvoll fühlen und sich vielleicht auch überhöhen. Wenn wir das tun, dann gibt es dafür einen guten Grund, nämlich ein tiefliegendes Gefühl, nicht gut genug zu sein. Dieses Gefühl und das Verhalten, möglichst immer die Bedürfnisse anderer zu erfüllen, haben ihren Ursprung meistens in der Vergangenheit.

Wenn Verbindung an Funktionieren geknüpft war, lernt das Nervensystem: Ich muss leisten, um zu bleiben.

Wenn unsere Eltern uns entweder nur mochten, wenn wir einem bestimmten Bild entsprachen, wenn wir gar nicht gewollt waren oder die Eltern sich ein Kind des anderen Geschlechts gewünscht hätten und dann zutiefst enttäuscht waren, dann kann uns das vermittelt haben, dass unser Sein nicht OK ist, dass etwas mit uns nicht stimmt. Ein Weg, mit dieser tiefen Verunsicherung umzugehen, ist der Versuch, sich so gut wie möglich an die Bedürfnisse der Bezugspersonen anzupassen. Dazu braucht es eine große Wachsamkeit und die Antennen für die Bedürfnisse des Gegenübers stehen ständig auf Empfang.

Es kann aber auch sein, dass dieses Muster dadurch entstand, dass wir eine Bezugsperson hatten, die eher unberechenbar war und sehr ungnädig oder hart darauf reagiert hat, wenn wir Fehler gemacht haben, eigene Bedürfnisse hatten, traurig waren oder wütend. Auch das kann dazu geführt haben, dass unser Nervensystem in einen hohen Wachsamkeitsmodus geschaltet hat – hypervigilant wurde – und dadurch sicherstellen wollte, dass wir ja keinen Ärger oder Ablehnung auf uns ziehen.

Wenn wir früh gelernt haben, dass Verbindung an eine bestimmte Art und Weise unseres Seins, an unser Funktionieren geknüpft war, dass wir Liebe verdienen mussten, statt sie selbstverständlich zu empfangen, dann entwickeln wir ein Muster der Zurückstellung unserer selbst, was später zur Grundlage der „Verlässlichen“ oder des „Verlässlichen“ werden kann. Heute spricht man auch oft von People-Pleasing, mit dem wir versuchen, Zugehörigkeit zu verdienen. Das diesem Verhalten innewohnende Dilemma bringt Brené Brown auf den Punkt, wenn sie davon spricht, dass ein wirkliches Gefühl von Zugehörigkeit nicht durch Unterdrückung unseres authentischen und unperfekten Selbst geschieht und dass das tiefe Empfinden von Zugehörigkeit immer nur so groß sein kann, wie das Maß unserer eigenen Selbstakzeptanz.

Das Grundbedürfnis nach einer sicheren Bindung ist der Hauptmotor für die hier beschriebenen Verhaltensmuster. Als Baby und Kind ist eine sichere Bindung überlebenswichtig, da wir ohne die Erwachsenen nicht überleben könnten. Deshalb werden wir als Kind alles tun, um diese Bindung sicherzustellen. Ein wenig vereinfacht gesagt, ist diese Bindung wichtiger als unsere anderen Bedürfnisse. Es ist erstmal eine wirklich großartige Leistung, die unser System erbringt, wenn wir uns anpassen und unser Nervensystem auf Dauerwachsamkeit schaltet. Da wir dieses Muster oft schon sehr früh gelernt haben, ist es tief in uns verankert, weshalb es uns anfänglich oft schwer fallen kann, es zu verändern. Der erste Schritt zur Veränderung ist die Bewusstwerdung dieses Musters. Dann gilt es die gute Absicht darin zu ehren und zu sehen, dass es die Folge von bestimmten Umständen in unserer Vergangenheit war. Und dann können wir beginnen, schrittweise neue Verhaltensmuster auszuprobieren und zu üben.

Wenn früher »zu sich stehen« und »Nein« sagen gleichbedeutend war mit Ablehnung, dann ist dieses Verhalten mit der existentiellen Angst verknüpft, verstoßen zu werden.

Es mag lustig klingen, wenn ich hier sage, dass wir neue Verhaltensmuster üben müssen. Aber wenn „Nein“ sagen zu einer Bitte um Hilfe oder den Fokus auf sich selbst richten über Jahrzehnte ungewohnt waren, dann braucht es Übung und dann dürfen wir mit uns geduldig sein, wenn wir beginnen, uns anders zu verhalten. Manchmal kann es auch sein, dass wir schon alleine bei der Absicht etwas anders zu machen Angst bekommen oder uns plötzlich ganz viele Argumente einfallen, warum unser Vorhaben doch nicht gut ist. Auch das ist normal und verständlich: denn früher war „zu uns stehen“ und „nein“ sagen gleichbedeutend mit einer Rüge oder Ablehnung und mit der existentiellen Angst verstoßen zu werden verknüpft.

Wenn du also Angst fühlst oder merkst, dass du dein Vorhaben immer wieder verschiebst, dann ist es auch wichtig, sich dieser Angst zuzuwenden, sie zu fühlen und auf achtsame und liebevolle Weise mit ihr zu sein. Damals war nämlich keiner für die Angst vor dem Verlust der Bindung für uns da, weshalb sich das Muster der Anpassung um so mehr verankern konnte. Und so ist es heute der Ausdruck der dir innewohnenden Selbstliebe, dich diesem Gefühl zuzuwenden, damit in Beziehung zu gehen und zu verstehen, woher es kommt. Zusätzlich ist es gut zu wissen, dass jeder Versuch, sich anders zu verhalten, für eine Weile genau diese Angst triggern wird. Mit der Zeit aber sammeln sich die neuen Erfahrungen, dass wir vielleicht mit unseremVerhalten nicht immer auf Gegenliebe stoßen, wir aber als Erwachsene dennoch sicher sind. Und dann wird die Angst mit der Zeit auch weniger getriggert.

Verlässlich zusein kann etwas Wunderbares sein, wenn es eine freie Entscheidung ist statt eines automatisch anspringenden Überlebensmechanismus.

Verlässlich zu sein ist aber nicht nur ein Anpassungsmodus. Alles im Leben können wir im Prinzip von zwei unterschiedlichen Plätzen in uns machen: entweder von einem Platz innerer Fülle und Sicherheit oder einem Platz inneren Mangels und Unsicherheit. Wenn wir in uns selbst gut genährt sind und uns bewusst entscheiden, bei etwas zu helfen, statt gefühlt wie ferngesteuert automatisch zu helfen, dann kann das etwas ganz Wunderbares und für uns selbst auch nährendes sein. Das oben geschilderte, eher automatische Verhalten von Inga hingegen kommt eher von einem Platz inneren Mangels und dem vielleicht sogar verzweifelten Versuch, Bindungen durch Verlässlichkeit zu sichern. Das ist anstrengend, das raubt uns Energie, auch wenn es ganz ursprünglich ein kluger Überlebensmechanismus unseres Systems war. Von welchem Platz aus wir kommen, ist übrigens nicht Schwarz-Weiß. Es kann ganz von unserer Tagesform abhängen, ob wir in die automatische Gewohnheitsreaktion gehen oder aus der inneren Fülle heraus etwas tun.

Das Muster der Anpassung und des für andere Verlässlich seins bedeutet aber auch, dass wir nie ganz bei uns sind. Denn die Aufmerksamkeit ist bei den anderen, bei dem, was gebraucht und erwartet wird. Genau das kann langfristig zu einer tiefen Erschöpfung oder einem plötzlichen Ausbruch der Frustration führen. Beides sind Zeichen, dass es an der Zeit ist, den Fokus auf uns zu richten, zu beginnen, die eigenen Bedürfnisse wieder wahrzunehmen. Sieh die Erschöpfung, sieh den Frustrationsausbruch und beginne, sie als Ausdruck von etwas lang Unterdrücktem in dir zu sehen und schrittweise in liebevollen Kontakt damit zu gehen. Es ist kein Versagen, wenn du erschöpft bist, es ist einfach ein sehr deutliches Zeichen deines Körpers an dich, das sagt: halte inne, kümmere dich um dich selbst.

Was wäre, wenn du
… dich um dich selbst kümmern darfst?
… du „Nein“ sagen darfst?
… du langsam und mit »Fehlern« üben darfst, dich selbst wichtig zu nehmen?

Sei einfach mal mit diesen offenen Fragen. Lass sie auf dich wirken. Du musst heute nichts verändern. Es reicht, wenn du anfängst zu spüren.