Warum das Wörtchen „und“ unser Leben so wunderbar bereichern kann

Wir leben in einer Welt, die stark von „entweder oder“ geprägt ist, in der man das meiste schwarz-weiß sieht: dieses Verhalten ist gut – jenes schlecht, das mag ich – das mag ich nicht, Freude ist gut –Wut ist schlecht. Aber lässt sich alles so eindeutig kategorisieren? Sind die Dinge denn immer so eindeutig komplementär, also gut oder schlecht, richtig oder falsch?

Nein, das Leben ist soviel reicher, so viel vielschichtiger. Das Leben ist UND! Es ist bunt, Unterschiedliches darf mit einem „und“ nebeneinander stehen. Die Facetten unseres Seins, unsere manchmal scheinbar widersprüchlichen Gefühle dürfen mit einem „und“ allesamt in uns Platz bekommen.

„Entweder oder“ grenzt ab, kastelt die Dinge ein, macht das Leben eng. Ein „und“ ergänzt und macht Platz für Neues.

„Und“ schafft Raum und führt zu Lösungen – „entweder oder“ ist eine Sackgasse

Okay, klingt gut so weit, aber was hat das mit dem Leben zu tun, wie konkret bereichert es das Leben?

Stell dir vor, du bist mit einer Freundin verabredet und dir ist Pünktlichkeit wichtig, weil es für dich ein Ausdruck von Respekt ist, sich an vereinbarte Zeiten zu halten. Du bist pünktlich am vereinbarten Ort. Die Zeit vergeht, deine Freundin ist nicht pünktlich und du wirst unruhig, ungeduldig. Jetzt könntest du dir sagen: „ich immer mit meiner Pünktlichkeit, so lange warte ich ja noch gar nicht, warum muss ich mich denn so aufregen, ist doch wirklich blöd, die wird schon ihre Gründe haben“.

Übersetzt heißt das: du versuchst, deine „unangenehme“ Reaktion, die Ungeduld und vielleicht auch Frustration wegzureden. Und in dem aufgeführten Beispiel nutzt du Rationalisierung und Erklärung mit einer Prise Selbstverurteilung, um dir deine Ungeduld und deinen Frust auszureden. Das „entweder“ der vernünftig zurecht geredeten Situation wird gegen das unangenehme Gefühl des Frusts, der Ungeduld gesetzt, die damit als nicht angesagtes „oder“ weggemacht werden soll.

 „Entweder oder“ trennt uns von uns selbst und anderen

Was meinst du – klappt das? Ich würde sagen nein. Denn die weggedrückten Gefühle werden sich eh irgendwie einen Weg an die Oberfläche suchen oder zu mindestens dazu führen, dass wir die erste halbe Stunde mit unserer Freundin innerlich noch ziemlich gestresst sind, in dem Versuch, die gelassene, verständnisvolle Person zu sein,die wir meinen sein zu müssen. Aber unten drunter brodelt vielleicht immer noch der Frust über die Unpünktlichkeit, egal wie „gerechtfertigt“ der sein mag oder auch nicht.

Genau genommen schlummert da also die ganze Zeit ein „und“ weil „entweder oder“-Rationalisierungen nicht wirklich funktionieren. Dieses „und“ ist uns aber nicht bewusst und damit kann es auch nicht dabei helfen, liebevoller und verständnisvoller mit uns selbst umzugehen.

Was, wenn du die obige Situation mit einem bewussten „und“ angehen würdest? „Puh, meine Freundin ist nicht auf die Minute genau da, das macht mich immer so fürchterlich hibbelig und gefrustet und manchmal auch ärgerlich auf mich, dass ich selbst immer so pünktlich bin, obwohl  ich weiß, dass andere das nicht immer sind. Wenn ich nicht so überpünktlich wäre, dann würde ich auch kürzer oder gar nicht warten müssen. Wenn ich mir das Ganze ein bisschen aus der Distanz anschaue, dann ist sie zwar verspätet, aber noch im Rahmen, wie das halt manchmal passiert. Interessant, dass mich das so frustriert.“

Hier gibt es einen innerlichen Schritt zur Seite, um eine andere Perspektive auf die eigene Reaktion zu bekommen. Aber es geht nicht darum, die eigene Reaktion wegzudrücken und schlecht zu machen, sondern sie erst einmal einfach wahrzunehmen.

Auch hier taucht das innere Argument auf, dass die tatsächliche Wartezeit gar nicht so lang ist, aber es wird nicht dazu genutzt, die eigene emotionale Reaktion wegzuwischen. Hier geht es darum, sich selber wahrzunehmen, mit der emotionalen Reaktion UND der rationalen Einschätzung.

 „Und“ schafft neue Begegnungsräume

Soweit so gut, aber wie geht es weiter? Das kann unterschiedlich sein. Auf jeden Fall ist es schon bereichernd für uns selber, wenn wir unsere Reaktion wahrnehmen und einordnen können, ohne sie wegreden zu müssen. Dann hat unser Frust in uns einen Platz gefunden und muss sich dann später nicht offen oder verdeckt gegenüber der Freundin oder in einer ganz anderen Situation Raum schaffen, um wahrgenommen zu werden. Aber wenn es dir wichtig ist, könntest du deiner Freundin auch darüber berichten, dass ihre Unpünktlichkeit dich gefrustet hat, weil es für dich nicht einfach auszuhalten ist, wenn andere sich nicht an die verabredete Zeit halten.

Du kannst es sagen, damit deine Freundin weiß, wie es dir gerade geht. Nicht, um sie schlecht zu machen und damit wieder ein „entweder oder“ zu setzen. Nach dem Motto „du bist schlecht, weil du zu spät bist und ich habe recht und bin die Gute, weil ich pünktlich war“.  Schon klar, bewusst sagt man sich in Momenten des Urteilens über andere nicht „Ich habe recht, der andere liegt falsch“, aber wenn du beginnst, dich mehr in dem wahrzunehmen, was in dir vor sich geht, dann könnte es sein, dass du auf ähnliche Denkmuster stößt.

Wenn du nun aber von deinem Frust erzählst, wenn du sagst, was es mit dir macht und vielleicht sogar hinzufügst, dass du dich aber auch fragst, warum das für dich so schwierig ist, weil die Wartezeit nun wirklich nicht so wahnsinnig lang war, dann hat alles, was in dir ist, nebeneinander Bestand und dann haben auch du und deine Freundin nebeneinander Bestand. In dieser Begegnung, in der es um den Ausdruck dessen geht, was in dir ist, ohne etwas wegzureden und ohne den anderen schlecht zu machen, findest du dieses „und“ von dem ich spreche.

„Und“ – der Sauerstoff für einen liebevollen Umgang mit uns selbst

„Und“ schafft Raum. Es lässt die Dinge erst einmal sein und wenn wir dann z. B. erforschen wollen, warum es uns so wütend macht, wenn Freunde ein wenig zu spät kommen, dann nicht von einem Platz des „entweder oder“, bzw. des „falsch oder richtig“, sondern von einem „wow, so bin ich und ich bin neugierig herauszufinden, warum“. Allein der Versuch ein „und“ im Leben zu setzen, für ganz unterschiedliche Meinungen – ohne die Meinung anderer annehmen zu müssen oder für ganz unterschiedliche Reaktionen in sich selbst, lässt uns von einem Platz der Fülle und des Okay-Seins mit uns kommen. Völlig unterschiedliche Dinge können nebeneinander sein, nichts muss zu Gunsten von etwas anderem verdrängt oder unterdrückt werden. „Und“ trägt eine Offenheit in sich, mit der wir für uns selbst mehr Akzeptanz schaffen, damit mehr in uns ruhen und damit auch anderen besser begegnen können.