Herzlich Willkommen zu meinem ersten Blogbeitrag!

Etwa alle zwei Monate schreibe ich zu verschiedenen Themen und Büchern rund um die menschliche Psyche. Heute geht es um den zeitlosen Rat Rainer Maria Rilkes an einen jungen Dichterkollegen. Dabei geht es um Geduld und was es bedeutet eine Frage zu leben, statt auf eine Antwort zu drängen.

Psyche heißt übersetzt aus dem Griechischen ja so viel wie Seele. Das ist ein weiter Begriff und es gibt die verschiedensten Definitionen davon, was Seele nun genau ist. Für mich steht Seele für den Lebensfunken, die Essenz unseres menschlichen Seins. Dicht verwoben sind damit unsere Gefühle.  Man könnte sagen, dass Emotionen die Sprache unserer Seele sind. Und da ich psychotherapeutisch arbeite, ist Psychotherapie für mich die Unterstützung der Selbstheilungskräfte jedes individuellen Seelen-Menschen.

Heute möchte ich einigeZeilen aus einem der Briefe Rainer Maria Rilkes an den jungen Dichter Franz Xaver Kappus vom 16. Juli 1903 teilen. Veröffentlicht sind seine Worte in Briefe an einen jungen Dichte:

 (...) und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst lieb zuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.

Dies sind so zeitlos wunderbare Worte, die eine tiefe Weisheit in sich tragen und ein Appell an Geduld und Sanftheit im Umgang mit uns selbst sind. Statt mit Ungelöstem in unseren Herzen zu hadern und zu ringen, gilt es erst einmal mit jenem Ungelöstem zu sein und wirklich wahrzunehmen, was uns innerlich bewegt. Wir sind darauf getrimmt, immer gleich Antworten und Lösungen haben zu wollen und vergessen dabei oft, unserer inneren Uhr, unserer eigenen Weisheit zu vertrauen.

 

Weisheit bedeutet, es auszuhalten, nicht zu wissen

 

Diese innere Weisheit drückt sich für mich nicht darin aus, immer Antworten parat zu haben, sondernvielmehr in der Kunst damit zu sein, keine Antwort zu haben, nicht zu wissen, was als nächstes zu tun ist. Oft streben wir danach, das „richtige“ tun zuwollen. Weisheit bedeutet, dass wir nicht schlussendlich wissen können, was das „richtige“ ist und dass wir uns dessen bewusst sind. Nur die Erfahrung, das Leben werden uns zeigen, ob bestimmte Schritte in unserem Leben „richtig“ für uns sind.

 

Antworten zu leben,bedeutet, sie von innen heraus wachsen zu lassen

 

Wenn wir zum Beispiel auf einen tiefen Schmerz als Ungelöstes in unserem Herzen stoßen, so wird eine erste Reaktion vielleicht sein, eine Antwort, eine Lösung darauf finden zu wollen. Aus der Kindheit kennen wir vielleicht Sätze wie „ist doch nicht so schlimm“ oder „wird schon wieder“. Das sind Antworten, die wir oft sogar gelernt haben umzusetzen. Aber eine wirklich gelebte Antwort ist das nicht. Für mich sind gelebte Antworten solche, die alle Ebenen in uns ansprechen und nicht solche, wo wir lernen tiefe Gefühle wieder zur Seite zu schieben „weil es ja nicht so schlimm ist“. Wir können das durchaus vom Kopf her steuern aber wir verlieren uns dabei auch ein Stück.

 

Mit der Frage leben öffnet uns – auf eine Antwort dringen, kann uns verschließen

 

Wie aber sähe es aus, die Frage zu leben? Der Beginn wäre vielleicht, den tiefen Schmerz in sich wahrzunehmen. Als nächstes würden wir den Impuls merken, das schnell lösen zu wollen. Dann käme der Gedanke oder die Erinnerung, dass wir genau dieses Gefühl ja schon häufig „gelöst“ haben, indem wir es uns selbst weggeredet haben. Vielleicht ist das dann also doch keine wirkliche Lösung. Aber was dann? Ratlosigkeit könnte nun folgen, eventuell sogar ein sachtes Gefühl der Hilflosigkeit. Dann fallen uns die Worte Rilkes ein, dass es darum geht, die Frage zu leben.....

Hm, dann ist es vielleicht OK, damit zu sein, dass wir gerade nicht wissen, was wir tun sollen. Das könnte sogar ein wenig entspannend sein. Wir beschließen, uns mit diesem Fragezeichen in uns, uns nun unserem Schmerz zuzuwenden. Ein Fragezeichen ist auch eine Offenheit und wer weiß, vielleicht ermöglicht das eine neue Begegnung zwischen uns und unserem Schmerz – mal sehen, wo uns das hinführen mag...

Dies also nun meine Gedanken zu Rilkes Zeilen an einen jungen Dichter. Vielleicht sind seine Worte ja auch für Sie Inspiration zum Innehalten und Erforschen ihrer ganz eigenen Form dessen, was es bedeutet, eine Frage zu leben.