Adoption und das Gefühl der Wurzellosigkeit

Welche Spuren hinterlässt Adoption in den Herzen der Betroffenen? Heute wissen wir, dass wir schon im Bauch der Mutter und in den ersten Jahren geprägt und beeinflusst werden und unsere frühen Jahre sich auf unsere weitere Entwicklung auswirken. Vor diesem Hintergrund ist Adoption ein zutiefst einschneidendes und traumatisierendes Ereignis. Häufig wird der Fokus darauf gelegt, wie wunderbar es ist, dass ein ungewolltes Kind neue Eltern bekommt – aber was für eine Herausforderung das für alle Beteiligten sein kann, bekommt meist nicht genug Aufmerksamkeit. Für mich bedeutet Traumatisierung keine Stigmatisierung der Betroffenen. Sie weist einfach darauf hin, dass es in der Vergangenheit Ereignisse gab, die nicht verarbeitet werden konnten. Dies wirkt sich auf meist unbewusster Ebene auf das spätere Leben aus.

Adoption ist aus meiner Warte traumatisierend – und das zu benennen, hilft Adoptierten dabei, sich selber besser zu verstehen und sich vielleicht für einiges verzeihen zu können, wofür man sich immer falsch oder gar schuldig gefühlt hat.

Das Gefühl, ein schwarzes Loch zu sein; niemals wirklich das Empfinden zu haben, gänzlich dazuzugehören; sich immer wieder an äußere Situationen anzupassen, um ja nicht wieder weggeschickt zu werden oder gegen alles zu rebellieren, um selbst derjenige zu sein, dar sagt „ich will euch nicht“; das Gefühl, nicht normal oder ungewollt zu sein; das andauernde Bestreben, sich seinen eigenen Wert beweisen zu müssen oder im Teufelsrad hängen zu bleiben, sich die selbst empfundene Wertlosigkeit immer wieder durch äußere Umstände bestätigen zu müssen – all diese Beispiele können die bewussten oder unbewussten Auswirkungen einer Adoption sein.

Ein Gefühl der Fremdheit, oder die Unsicherheit, ob man wirklich bleiben kann, ist zutiefst verunsichernd


Alles hier beschriebene kann natürlich auch auf Menschen in Pflegesituationen zutreffen. Dabei kommt oft noch hinzu, dass Pflegekinder häufig in der permanenten Unsicherheit leben, ob sie auch wirklich in der jeweiligen Pflegefamilie bleiben können. Das fügt eine weitere Komponente hinzu, die es vor allem bei anonymen Adoptionen so nicht gibt. Wobei es durchaus sein kann, dass adoptierte Kinder bewusst oder unbewusst die Angst haben, nicht bleiben zu können, oder vielleicht irgendwann einmal nicht mehr gewollt zu sein. Dies geht dann trotz der äußerlich sichereren Konstellation auf  ihre existentielle Verwundung des Weggegebenseins zurück. Der Einfachheit halber werde ich mich in diesem Artikel überwiegend auf das Thema Adoption beziehen, auch wenn Menschen aus Pflegesituationen genau so davon betroffen sein können.

Nicht gewollt sein, hinterlässt oft auf unbewusster Ebene das Gefühl, nicht gut genug oder schlecht zu sein


Die tiefste Ebene einer Adoptionswunde kann darin bestehen, sich existentiell als Abfallprodukt zu fühlen, weggegeben, nicht gewollt, egal wie liebend die Adoptionseltern auch sein mögen. Das kann für beide Seiten herausfordernd und auch sehr schmerzhaft sein. Für Menschen mit dieser Wunde ist es sehr schwierig, auch nur annähernd fühlen zu können, dass man das Recht hat, zu existieren. Das mag heftig und vielleicht übertrieben klingen, aber ganz oft sind diese Gefühle nicht an der Oberfläche unseres Bewusstseins und ganz sicher hat diese tiefe Ebene für jeden Einzelnen ihre ganz einzigartige Färbung, für die jeder seinen individuellen Ausdruck findet. Indem man sich aber Schritt für Schritt und ganz achtsam bestimmter Strategien bewusst wird, zum Beispiel dass man immer darauf ausgerichtet ist, andere zufrieden zu stellen, oder dass man sich stark über seine Handlungsweisen identifiziert, öffnen sich Schritt für Schritt Türen zum Schmerz jener existentiellen Formlosigkeit des Selbst.

Jeder Schritt, den wir gehen, um die schmerzlichen Auswirkungen einer Adoption zu entdecken und anzunehmen, ist gleichzeitig auch ein Schritt, der uns der Selbstliebe näher bringt


Die achtsame Begegnung mit sich selber, mit den unterschiedlichen Facetten der Anpassung und den vielseitigen Stufen des Schmerzes über das Nichtgewolltsein, führt langsam dazu, sich selber für Dinge zu verzeihen, die man an sich nicht mag, die man vielleicht bisher erfolglos versucht hat loszuwerden.  Der Beginn einer Annäherung an jene Aspekte besteht zunächst in der Akzeptanz dessen, dass sie da sind - und zwar aus einem guten Grund. Mit diesem Annehmen und auch der Ehrlichkeit mit sich selbst, für manche Eigenschaften vielleicht keine Akzeptanz empfinden zu können, landet man immer mehr in der Realität, im Moment, mit all dem, wie wir jetzt gerade sind.

Ebenfalls wichtig auf der Reise in sein Inneres ist es, sich seiner Stärken bewusst zu werden – den Aspekten, die man an sich selber mag und die von anderen gemocht werden – und diese wirklich anzunehmen. Es braucht immer einen Anker der eigenen Stärken, um ein Stück tiefer in den Bereich des Schwierigen und Schmerzlichen einzutauchen.Und erstaunlicherweise kann es sogar schwierig sein, seine guten Seiten vor sich selber anzuerkennen. Vor allem mit der Adoptionswunde des Sich-zutiefst-falsch-und-nicht-gewollt-fühlens, kann es sein, dass der Erfolg erbrachter Leistungen oder auch die Liebe seines Partners nie ganz zu einem vordringen können, weil jedes Angenommensein, jedes Gutsein gewissermaßen auf einen inneren Boden der Ungläubigkeit fällt. Doch jedesmal, wenn man sich ein Stück mehr begegnet – sei es indem man sich bewusst wird, wie mitfühlend man eigentlich ist, wie mutig man im Leben bestimmte Schritte gegangen ist oder auch in Gefühlen wie Wut, Ohnmacht, Verzweiflung und Trauer – schafft man mehr Raum für sich selbst. Mit diesem inneren Raum, in dem alle Gefühle und inneren Kindanteile sein dürfen, kann man schließlich zu dem Gefühl kommen, ein Recht darauf zu haben, zu existieren.

Schon während der Schwangerschaft prägen uns Gedanken und Gefühle der Mutter auf einer tiefen Ebene


Die überaus wichtige Zeitder Schwangerschaft und nach der Geburt gerät immer mehr in den Fokus des öffentlichen Bewusstseins und wissenschaftlicher Untersuchungen, vor allem in der Auseinandersetzung mit frühen Traumatisierungen. Der Begriff Trauma kann im ersten Moment abschreckend klingen und in vielen Fällen steht er tatsächlich für zutiefst schreckliche Erfahrungen. Von dieser Warte aus betrachtet kann  das Wort Trauma eine Hürde darstellen, über die man lieber nicht springen mag, weil man nicht so genau hinschauen möchte, aus Angst, auf etwas zu großes zu stoßen. Man kann Traumatisierung aber auch definieren als etwas, das für uns im Moment des Erlebens schlichtweg nicht zu verarbeiten war. So gesehen gibt es eine sehr große Bandbreite an Erfahrungen, die unter die Bezeichnung Trauma fallen können. Eine Adoption im Babyalter oder in der Kindheit kann ebenfalls als Traumatisierung gesehen werden, also als eine Erfahrung, die wir als Baby oder Kind nicht verarbeiten konnten. Doch heute haben wir als Erwachsene* die Möglichkeit, uns mit den damals unbewusst nicht aushaltbaren Gefühlen auseinanderzusetzen und für sie einen Herzensraum in uns zu schaffen. Die innere Weisheit unserer Selbstheilungskräfte wird dabei helfen, immer genau das in uns zu entdecken, was wir zum gegebenen Zeitpunkt auch wirklich verarbeiten können.

Zu Traumen, die mit Adoption oder auch Pflegesituationen zusammenhängen, werde ich in einem anderen Beitrag mehr schreiben. Wichtig ist hier vor allem die Anregung, den Raum für die Möglichkeit zu öffnen, dass wir schon als Babys – und sogar schon vor der Geburt – mehr mitbekommen, als man lange Zeit angenommen hat und dass diese Erfahrungen für unser späteres Leben sehr prägend sind.

Egal was wir erlebt haben, es ist möglich uns durch Hilfe zur Selbsthilfe mehr und mehr dem zu öffnen was in uns ist, uns der Warte des inneren Kindes – in welchem die Erfahrungen von damals noch fortleben – liebevoll zu nähern. Häufig führt uns die Arbeit mit inneren Kindanteilen hin zu Erfahrungen, an die wir uns nicht bewusst erinnern können. Doch wie sich zeigt, verfügen wir über eine andere Art fühlendes Gedächtnis, das in die Zeit zurückreicht, als wir der Sprache noch nicht mächtig waren.

Die Stimme eines inneren Kindes drückt sich in folgendem Gedicht aus, über das einmal jemand sagte, es seien die Worte eines Kindes aus dem Herzen eines Erwachsenen. Und genau darumgeht es: unser erwachsenes Herz für die Gefühle und Erfahrungen des verletzten Kindes in uns zu öffnen und uns überraschen zu lassen, welche Gestalt das annimmt und welche Worte für jene Erfahrungen in uns aufkommen, von denen wir vielleicht glaubten, wir wüssten gar nichts darüber.

Adoptiert

Eltern haben, aber nicht ganz
Ein Dach über dem Kopf haben, aber keine Wurzeln
Aufgenommen sein, aber niemals gefunden
Gefüttert, aber nicht genährt.

Gesichter, in die man schaut, aber niemand, in dem man sich selbst erkennen kann
Einen Platz haben, aber niemals ganz dazu gehören
Sich durch die Welt bewegen, ohne das Gefühl, ein Recht darauf zu haben, sie ganz zu bewohnen.

Weggegeben: sich immer falsch fühlend
Abgeholt: für immer in der Schuld stehend
Versorgt: doch allein in den Winkeln des Niemandslandes. 

Ein kleines Kind auf einem leeren Bahnhof
Es kennt seine Sprache nicht
Es weis nicht, woher es kommt
Es weiß nicht, wohin es geht
Verloren – in Zeit und Raum
Allein.

 

 

* In diesem Beitrag beziehe ich mich eher auf die Möglichkeit, sich als Erwachsener inneren Kindanteilen zuzuwenden. Aber es ist unglaublich wichtig, gerade in Bezug auf Säuglinge, Kinder und Jugendliche ein Bewusstsein über mögliche Traumatisierungen zu entwickeln und diese so früh wie möglich aufzufangen (siehe u.a. unten genannten Internet-Artikel von Gerald Hüther von 2012)

 

Literatur:

Bonus, Bettina: Mit den Augen eines Kindes sehen lernen, Band 1: Zur Entstehung einer Frühtraumatisierung bei Pflege- und Adoptivkindern und den möglichen Folgen, Band 1, Norderstedt: Books on Demand, 2006

Hüther, Gerald: Die Folgen traumatischer Kindheitserfahrungen für die weitere Hirnentwicklung, 2012, http://www.agsp.de/html/a34.html

Hüther, Gerald und Weser, Inge: Das Geheimnisder ersten neun Monate: Unsere frühesten Prägungen, 2012, Belz Verlag

Ruppert, Franz: Frühes Trauma – Schwangerschaft, Geburt und erste Lebensjahre,  Stuttgart: Klett-Kotta Verlag, 2014 (siehe besonders Kapitel 15: Frühes Trauma, Adoption und Pflegeeltern  von Liesel Krüger)